In Luca Guadagninos Neubearbeitung des Klassikers »Suspiria« geraten die Tanzaufführungen einer Ballettschule zu einem psychedelischen Strudel, der sich tief ins Unbewusste seiner Zuschauer gräbt.

Mia Goth (zweite von links vorne) und Dakota Johnson (Mitte) in »Suspiria« | © Alessio Bolzoni / Amazon Studios

»Wenn man den Tanz eines anderen tanzt, dann macht man sich zum Abbild seines Schöpfers«, stellt die Tanzlehrerin Madame Blanc fest und will das neue Ensemblemit­glied damit auf ihre erste Hauptrolle vorberei­ten. Susie ist aus Ohio ins geteilte Berlin gekommen, um sich an der renommierten Tanzschule ausbilden zu lassen, an der die berühmte Madame unterrichtet. Doch sie merkt bald, dass hier etwas nicht stimmt. Ihre spurlos verschwundene Vorgängerin, Alb­träume und hinter vorgehaltener Hand geflüs­terte Gerüchte von Hexentreiben machen sie gleichermaßen misstrauisch und neugierig.

Der Italiener Luca Guadagnino hat sich an eine Neuinterpretation des Giallo-­Klassikers »Suspiria« von Dario Argento gewagt. Nach seiner oscarprämierten Romanadaption von »Call Me By Your Name« (2017) und der freien Bearbeitung von Jacques Derays »Swimming­pool« in »A Bigger Splash« (2015) ist dies ein weiteres Remake. Doch ist »Suspiria« nur eine lose mit der Vorlage verwandte Variation, die Argentos orgiastische Traumlogik und Splat­terästhetik bei Weitem übersteigt. Er siedelt seinen Film im Deutschen Herbst 1977 an – die Nachrichten berichten von Hans Martin Schleyers Verschleppung, der Entführung des Lufthansaflugzeugs »Landshut« und den Selbstmorden der RAF-­Mitglieder in Stamm­heim. Die Tanzschule steht direkt an der Berliner Mauer, der Psychiater Dr. Klemperer, bei dem die vermisste Schülerin Patientin war, hat seine Frau 1943 während des Faschismus verloren, und ein Hexenzirkel leitet die Schule. Guadagnino setzt damit konträre Ideologien und Gesellschaftssysteme mitei­nander in Spannung und beobachtet die Rei­bungsflächen.

Klemperers Neffe eilt zu Beginn in einen Vortrag von Jacques Lacan und beschwört mit dessen psychoanalytischem Diskurs des Anderen im Ich eine unendliche Lawine an physischen Spiegeln und mentalen Reflexio­nen herauf. Diese manifestieren sich auch in einer durch viel Make­up kaschierten Drei­fachrolle als Madame Blanc, Dr. Klemperer und der titelgebenden Hexe Mater Suspirio­rum für die zugleich ätherische und kauzige Tilda Swinton und halten jegliche Form der stofflichen Verbindlichkeit in der Schwebe. Der sphärische Soundtrack von Radiohead­-Frontmann Thom Yorke lässt Psychoanalyse, okkulte Rituale und Tanzperformances end­gültig zu einem psychedelischen Strudel inei­nanderfließen. In einer besonders eindringlich durch Parallelschnitt verwobenen Spiegel­szene scheinen Susies sehr kraftvolle Bewegungen im körperlichen Ausdruckstanz eine Kommilitonin in einem mit Spiegeln verklei­deten Nachbarstudio als Tritte und Schläge zu treffen. Aus Tanz wird Akrobatik und letzt­ endlich performativer Horror. Die Frau windet sich am Boden und wird schier zu einem Hau­fen aus verdrehten Gliedmaßen und einge­drücktem Fleisch verkrümmt, windet sich unter Schmerzen am Boden und verendet regelrecht. Guadagnino setzt hierbei nicht auf den schnellen Schock, sondern baut das Psy­chospiel ganz langsam auf und lässt es in psy­chosomatischen Mindfuck münden. Man könnte Guadagnino eine intellektu­elle Kopfgeburt vorwerfen, doch verwebt er seinen Überbau geschickt mit den beinahe akrobatischen Körperhorrorszenen, die sich in ihrer nervenzerrenden Langsamkeit tief ins Unterbewusste brennen. ||

SUSPIRIA
USA, Italien 2018 | Regie: Luca Guadagnino
Mit: Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth, Ingrid Caven, Jessica Harper | 152 Minuten
Kinostart: 15. November
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