Welches Stück schenkt sich ein Intendant als Abschiedsinszenierung? Martin Kušej hat die Boulevard-Farce »Der nackte Wahnsinn« gewählt. Mit großem Erfolg.

Maximales Chaos im Wohnzimmer (v. l. Genija Rykova, Thomas Loibl, Till Firit, Sophie von Kessel) © Matthias Horn

Verblüffung und Skepsis bei vie­len: Kušej schätzt düstere Tragödi­enbrocken, Humorbegabung wird ihm nicht nachgesagt. Falls er vor seinem Wechsel ans Burgtheater beweisen wollte, dass er auch leichtfüßige Unterhaltung kann, ist es ihm gelungen: Im Residenztheater klatschte das Premierenpub­likum begeistert im Takt. Die fabelhaften Schauspieler haben’s verdient, der Regisseur wirkte glücklich.

Der Brite Michael Frayn schrieb 1982 die genial gebaute Meta-­Komödie »Der nackte Wahnsinn« über das Theater und das Boule­vardgenre, eine boshafte Parodie aufs Metier, die aber alle Regeln der Kunst bedient. Die Herausforderung: Gute Schauspieler müssen schlechte Schauspieler in einer grotten­schlechten Schlafzimmer-­Farce spielen. Drei Akte zeigen das Making ­of und den Verfalls­prozess der Aufführung im Stück. Zuerst die Generalprobe im 80er­-Jahre-­Wohnzimmer (Bühne: Annette Murschetz): Treppe nach oben, Bücherwand, rotes Sofa, viele Türen fürs permanente Klipp­-Klapp. Natürlich funk­tioniert nichts: Die Haushälterin (Sophie von Kessel war noch nie so verschlampt komisch) vergisst ständig einen Teller Sardinen. Ein Immobilienmakler will die leere Villa für ein Sex­-Date mit einem Blond-­Dummchen nut­zen, dann taucht das Besitzerpaar auf, offiziell auf Steuerflucht in Spanien. Versteckspiele, Türen klemmen, Inspizient Klemt soll alles richten und noch für den verpennten Einbre­cher Paul einspringen. Aus dem Parkett schreit genervt der Regisseur Martin K. mit Nerd-­Brille und schwarzem Rolli.

Kušej hat den Text leicht auf Münchner Verhältnisse aktualisiert, gönnt sich etwas Selbstironie und kleine Seitenhiebe auf Kon­kurrenz und Kritik. Die meisten Resi-­Schau­spieler tragen ihre echten Vornamen, nur Norman Hacker heißt wie der echte Regisseur und Nora Buzalka als verhuschte Regieassis­tentin Mechthild wie dessen echte Assistentin. Wochen später: Routine­Vorstellung in der Provinz, diesmal backstage erlebt. Hinter den Kulissen haben sich die Liebes­und Eifer­suchtsverhältnisse mächtig zugespitzt, man schlägt und küsst sich. Die Schauspieler sind großartig: Allen voran spielt Genija Rykova den Blondinenwitz in Unterwäsche ohne jede Peinlichkeit. Wenn sie die Kontaktlinsen ver­liert, knallt sie halb blind gegen jedes Hin­dernis, torkelt und fällt artistisch. Ihre Kon­kurrentin Kata (Katharina Pichler) im gelben Leo-­Look wird zur Furie, der Liebhaber (Till Firit) will schlichten und schwingt die Axt.

Thomas Loibl als steuerflüchtiger Jammer­lappen mit Selleck­-Schnäuzer und blutigen Nasenstopfen kämpft mit runtergelassenen Hosen. Der verpennte Einbrecher (Paul Wolff­-Plottegg) greift sich jede Whiskyflasche, Inspi­zient Arthur Klemt sprintet von einem Auftrag des hektischen Regisseurs zum nächsten, die Blumen landen bei der falschen Frau. Das Tempo ist enorm, das Chaos auch, doch hochpräzise stolpern alle gerade rechtzeitig zum Auftritt. Letzte Vor­stellung, wieder von vorne gezeigt: Auf­führung und Schauspieler sind abgewrackt. Alles geht schief, Türklinken fallen ab, Sar­dinen auf den Boden. Rien ne va plus. Das Theater hat sich selbst dekonstruiert zum nackten Wahnsinn. Dem fügt Kušej interpre­tatorisch nichts hinzu, zeigt aber gekonntes Handwerk. ||

DER NACKTE WAHNSINN
Residenztheater| 6., 19. Nov.| 19.30 Uhr
18. Nov.| 19 Uhr | Tickets: 089 21851940