Ein Juwel der Tanzgeschichte, George Balanchine »Jewels«, wird erstmals in München beim Bayerischen Staatsballett einstudiert.

Meister und Musen – für das Cover von »Newsweek« fotografiert beim New York City Ballet: George Balanchine mit (im Uhrzeigersinn) Patricia Neary, Gloria Govrin, Suzanne Farrell und dem Bein von Patricia McBride | © Martha Swope

Jede Form von Kunst, ob Malerei, Musik oder Tanz, befindet sich in einem steten Veränderungsprozess. Und ohne Zweifel sind alle Künstler ihrer Epoche daran beteiligt. Aber nur wenige oder auch nur ein einzelner werden zur Symbolfigur einer markanten Zäsur – eines neuen Stils. Georgi Melitonowitsch Balantschiwadze (1904–1983) absolvierte 1921 die kaiserliche Ballettschule in Sankt Petersburg, begann unmittelbar danach zu choreografieren, da bereits aufbegehrend gegen konservative Theaterchefs. Ab 1925 in Frankreich, vor allem ab den 30er- und 40er-Jahren als Leiter des berühmten New York City Ballet (NYCB), formte George Balanchine, wie er sich inzwischen nannte, das klassische Ballett des 19. Jahrhunderts neu: Barocke Ports de bras (wie noch in Petipas »Dornröschen«) sind aus seinem Vokabular gestrichen, die Bewegungslinie insgesamt ist verschlankt und die Beintechnik virtuos elegant beschleunigt.

Nach der noch zaristisch geprägten Ballettklassik, die der Franzose Marius Petipa in Sankt Petersburg zum Leuchten brachte – dessen Werke auch heute noch Repertoire-Eckpfeiler der etablierten Häuser sind –, wurde Balanchines verjüngter Ballettstil zum Ausdruckeiner neuen Ära. SeineNeoklassik diente nicht mehr, mit wenigen Ausnahmen, einer (Märchen-)Handlung, emanzipierte sich von der althergebrachten Ensemble Hierarchie und legte alles erzählerisch Dekorhafte ab. Ballett genügt sich jetzt selbst als Tanz, der den demokratischen Geist des 20.Jahrhunderts atmet: in seiner Freiheit der Bewegung wie in der Unvoreingenommenheit anderen Bewegungsarten gegenüber. Balanchines künstlerisches Gespür, dem Ballett eine jazzige Linie zuzugestehen, hat in der Folge eine Revolution ausgelöst: Man schaue und staune, was die Post-Neoklassik von William Forsythe und seinen Epigonen alles an Formneuheiten riskiert.

George Balanchine| © Jac. de Nijs / Anefo

Natürlich hat das Bayerische Staatsballett, wie alle großen Ensembles, spätestens ab den 60er-Jahren immer wieder einen Balanchine erworben. Aber das gute Dutzend Stücke, von »Concerto barocco«, »Apollo«, »Serenade« bis »Die vier Temperamente«, »Prodigal Son« und »Agon« liegt seit Jahren, teils Jahrzehnten im Repertoireschlaf. Immerhin erlebte zumindest Bizets »Sinfonie in C« (Paris 1947, seit 1975 in München) 2015 eine Wiederaufnahme. Nun spielt Staatsballettchef Igor Zelensky mit »Jewels«, Balanchines erster abendfüllender abstrakter Choreografie von 1967, einen Trumpf aus.

Allerdings kommt diese Münchner Erstaufführung (am 27. Oktober) recht spät. Seit 1974 wurde das Tryptichon quer über den Globus mehr als 200 Mal an großen und kleineren Ensembles einstudiert. Der Balanchine-Trust, der das choreografische Erbe – insgesamt zählt man 425 Einzelwerke – verwaltet,sendet also einen ganzen Stab von NYCB-Ex-Solisten als Experten inalle Welt.Dreidavon sind nachMünchenbeordert: Der Belgier Ben Huys erarbeitet mit den Tänzern »Emeralds«. Patricia Neary ist verantwortlich für »Rubies«, in demsie 1967 die Damen-Solopartien mitkreierte, und Elyse Borne für »Diamonds«.

Patricia Neary tanzte in der Uraufführung und studiert jetzt »Rubies« in München ein 1967 | © Martha Swope

Dem Thema entsprechend sind die Kostüme der vielfach ausgezeichneten Barbara Karinska smaragdgrün, rubinrot und strahlend weiß und zusätzlich mit Schmucksteinen besetzt. Die Idee zu einem Ballett über Edelsteine soll von den Fifth Avenue-Juwelieren Van Cleef & Arpels stammen. Zutreffen könnte auch die These einer New Yorker Kritikerin, dass Balanchine, 1967 gerade umgezogen in das große Lincoln Center, mit diesem Ballett ein breiteres Publikum, möglichst auch Sponsoren gewinnen wollte. Was, wenn es so stimmt, nur klug vom Meister war. Denn auf staatliche Subventionen nach europäischem Maßstab können Tanzschaffende in den USA nicht hoffen. Ganz sicher aber ist »Jewels« der vollendete Balanchine-Klassiker schlechthin – und so etwas wie Mr. B.’s choreografische Vita. »Emeralds« zu Musik von Gabriel Fauré beschwört das romantische Ballett des 19. Jahrhunderts mit den Ballerinen in langen fließenden Tütüs. Zugleich ist es Balanchines Hommage an seine Zeit als Tänzer und Choreograf in Sergei Diaghilews Ballets Russes in Paris und in den nach Diaghilews Tod 1929 gegründeten Ballets Russes de Monte Carlo.

»Rubies« zu Strawinskys jazzigem »Capriccio für Piano und Orchester« steht für Balanchines Angekommensein in Amerika, sein Einverständnis mit dem Lebensstil, der Energie von New York. Zusammen mit dem Schriftsteller, Ballett-Enthusiasten und Impresario Lincoln Kirstein, der ihn 1934 nach New York geholt hatte, baute Balanchine in mehreren Schritten eine Ballettschule und das NYCB auf. Es gab Durststrecken, in denen er auch für Musicals, Revue, Filme und Zirkus choreografierte, aus finanziellen Gründen. Aber nicht nur. Balanchine, wie Elyse Borne in einem Interview erzählt (im Netz nachzuhören), liebte »Americana«, US-Spezifisches, ob das Bandana, von ihm gerne als Halstuch getragen, oder Amerikas Musik- und Tanzstile – die ihn eindeutig inspiriert und beeinflusst haben. Seine Neoklassik hat vor allem in den USA ihr charakteristisches Profil entwickelt. Balanchines formaler unemotionaler (Brio-)Stil ist wahrscheinlich genau deshalb auch heute noch frisch, noch zeitgemäß. Dagegen wirkt die deutlich anders geprägte europäische Neoklassik der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert veraltet. Beispiel Serge Lifar, ebenfalls Ballet-Russes-Mitglied und, mit kurzen Unterbrechungen, von 1929 bis 1962 prägender Leiter des Balletts der Pariser Oper. Seine Choreografien zu mythologischen oder historischen Figuren sind aus den Spielplänen verschwunden.

Mit »Diamonds« zu Tschaikowskys 3. Sinfonie gönnt sich Balanchine die Erinnerung an seine Anfänge in Sankt Petersburg, evoziert in Schritt und höfischer Geste das kaiserliche Ballett in seiner stilistischen Konvention und Aufführungspracht. Von der damaligen Ensemble-Hiercharchie – die Solisten vorne und das Corps de ballet als schmückend tänzelndes Hintergrund-Accessoire – hatte sich Balanchine längst verabschiedet. Die Gruppe, deren Tänzer ja heute technisch so gut sind oder sogar besser als einstmals die Solisten, choreografiert Balanchine als komplex bewegte Architektur in den Raum. Und spannend ist bei ihm immer, wie er die Musik nutzt: nie als Taktgeber, sondern als Dialogpartner des Tanzes. Und auch das hält Balanchines Ballette jung. ||

GEORGE BALANCHINE: »JEWELS«
Nationaltheater| 27./28. Oktober, 1./3. November
19.30 Uhr | Tickets: 089 21851920