Wer Filme macht, muss viele Kompromisse eingehen. Das hat Ben Brummer am eigenen Leib erfahren müssen. Doch jetzt hat es der Münchner HFF-Absolvent geschafft. Sein Debütfilm »Feierabendbier« kommt endlich in die Kinos.

Johann Jürgens (links) und Tilman Strauss in »Feierabendbier« | © GAZE Film

Er arbeitete als Gärtner in den schottischen Highlands, jobbte als Beleuchter an der Bayerischen Staatsoper und studierte Physik an der Ludwig-Maximilians-Universität. Doch seine wahre berufliche Passion entdeckte Ben Brummer, 1980 in München geboren, während seines Studiums an der Hochschule für Fernsehen und Film, das er 2003 in der Abteilung Dokumentarfilm begann. Jetzt, 15 Jahre später, kommt endlich sein Spielfilmdebüt in die Kinos (ab 25. Oktober im Neuen Rottmann). »Feierabendbier« heißt es recht plakativ.

Doch dahinter verbirgt sich nicht etwa eine deutsche Antwort auf die US-Feierbiester aus den deftigen »Hangover«-Komödien, der Film beleuchtet vielmehr eine Handvoll schräger Figuren, die ihr kompliziertes Leben in einer nicht näher definierten, aber unschwer als München zu identifizierenden Großstadt zu meistern versuchen. Dabei geht es Brummer weniger um eine stringente Handlung, die sich mit dem Klau eines Oldtimers und der Suche danach schnell zusammenfassen lässt, sondern darum, Ambiente und Atmosphäre adäquat zu erfassen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die titelgebende Bar, in der Protagonist Magnus die immer gleichen Gäste empfängt. Auffällig ist auch der Retrostyle von »Feierabendbier«, man fährt Mercedes SEC 1981, hört wieder Vinyl, wohnt in geilen Lofts, trinkt Duke, den Münchner Mode-Gin.

Dazu Ben Brummer: »Ich selbst bin gar nicht so ›Eighties‹, aber sie sind zurzeit irrsinnig trendy. Wir haben viel in der Hipsterszene recherchiert, und diese ganzen Details sieht mannun auch in unserem Film.« »Feierabendbier« wurde mit einem äußerst überschaubaren Budget von 150 000 Euro gedreht. Das lässt sich normalerweise nur realisieren, wenn man mit einer billigen Kamera meist aus der Hand arbeitet und viel improvisiert. Doch Brummer legt Wert darauf, dass er »einen richtigen Film« gemacht hat. »Wir haben lange geleuchtet und mit festen Kameraeinstellungen gearbeitet. Und das waren die eigentlichen Herausforderungen, es für das Geld machen zu können.«

HFF-Absolvent und Regisseur Ben Brummer | © Tobias Zisterer

Wie bei jedem Erstlingswerk gibt es jedoch auch bei diesem das eine oder andere zu bemängeln. So neigen einige Schauspieler dazu, »zu viel« zu machen, zu übertreiben. Auch dem Regisseur ist das nicht verborgen geblieben: »Es ist so, dass man bei jedem Film natürlich viele Kompromisse eingehen muss. Und wenn man nach einem Zwölf-Stunden-Drehtag am Set steht, es ist vier Uhr nachts, alle sind müde, sauer, beleidigt oder haben sonst irgendwelche Probleme, dann sagt man auch mal: Kommt, passt,nächster Schuss. Irgendwann ist der Wille zum Perfektionismus einfach gebrochen.« Einem, bei dem man sich kaum Sorgen ums »Overacting« machen muss, ist Vollprofi Christian Tramitz, der sich als versierter Synchronsprecher, populärer Seriendarsteller (»Hubert und Staller«) und Teil des Comedy-Triumvirates Herbig/Tramitz/Kavanian unsterblich gemacht hat. Er spielt in »Feierabendbier« Dauerstammgast Manfred, der – ebenfalls ganz 80er Jahre –Rüscherl (also Asbach Cola) konsumiert. Ihn konnte Brummer vor allem durch das Skript zum Mitmachen überzeugen: »Ich habe ihm das Buch in die Hand gedrückt, wir haben gar nicht lang gequatscht, er hat den Titel gelesen und gemeint, der passt schon mal. Später kam dann der begeisterte Anruf mit den Worten: ›Super Buch. Ich mach mit.‹«

Ben Brummer zählt zu jenen Menschen, die gerne alles unter Kontrolle haben, das gibt er auch selbstkritisch zu. Neben Regie, Drehbuch und Schnitt füllt er deshalb bei diesem Projekt auch die
Funktion des Verleihers aus. Der Grund ist ganz einfach, so der Filmemacher: »Als No Name ist es unheimlich schwer, bei einem Debütfilm überhaupt einen Verleih zu finden. Denn es gibt viel zu viele Filme für den Markt. Und wenn man am Anfang keinen hat, dann bekommt man auch meistens keinen mehr. Hinzu kommt noch, dass mein Film als Mischung aus Mainstream und Arthaus nicht so 100-prozentig einzuordnen ist. Damit hatten die Verleiher Probleme. Und deshalb habe ich irgendwann zu mir gesagt: Jetzt habe ich schon alles selber gemacht, jetzt mach ich das auch noch selber.« Immerhin 40 Kinos in Deutschland und Österreich konnte Brummerüber seinen Monolith-Verleih davon überzeugen, »Feierabendbier« in ihr Programm aufzunehmen.

Und das ist nicht verwunderlich. Denn tatsächlich erinnert sein Film in Ansätzen an die Werke der US-amerikanischen Independent-Ikonen Richard Linklater (»Slacker«) oder Jim Jarmusch, hier insbesondere dessen frühe »Coffee and Cigarettes«-Kurzfilmreihe. Ein Vergleich, den auch der Münchner Filmschaffende zulässt: »Tatsächlich ist es mir nach den Dreharbeiten wieder eingefallen, dass ich diese Filme in meiner Jugend geliebt und wie ein Wahnsinniger konsumiert habe. Auch meine allerersten Filmversuche waren sehr von Jarmusch geprägt.« Spätestens wenn »Feierabendbier« nun in die Kinos kommt, ist für Brummer dieses Kapitel ein für alle Mal abgeschlossen. Aber er hat schon mehrere neue Projekte in der Pipeline, vom TV-Krimi bis zum Kino-Blockbuster. Die Ochsentour, die er bei der Umsetzung seines Erstlings durchlaufen musste, will er allerdings nicht erneut erleben: »Das war eine einmalige Aktion. Man hat mir den ersten Film nicht zugetraut, weil ich keine Referenzen hatte. Ich musste mich erst beweisen. Im Übrigen ist das ja das Dilemma, in dem alle stecken. Um überhaupt einen Film machen zu dürfen, musst du schon einen vorweisen können. Und deswegen muss man den ersten Film mit Gewalt erzwingen.« ||

FEIERABENDBIER
Deutschland 2018 | Regie: Ben Brummer | Mit: Tilmann Strauss, Julia Dietze, Christian Tramitz
113 Minuten | Kinostart: 25. Oktober
Trailer