Das Staatsschauspiel eröffnete seine Saison mit drei Premieren. In allen geht es um Umstürze mit mörderischen Folgen. Hier Gabriella Lorenz’Besprechung zu »Marat/Sade«.

Grand-Guignol-Gerangel in der Wanne: Marat (Nils Strunk, l.), de Sade (Charlotte Schwab, M.) und Roux (Thomas Lettow)| © Matthias Horn

»Ich pfeife auf alles, ich glaube nur an mich selbst.« Sagt der Marquis de Sade, der verfettet und abgewrackt an einer Wand kauert. »Ich glaube nur an die Sache«, sagt Jean Paul Marat, der in einer blutbesudelten Badewanne sein juckendes Hautekzem aufkratzt. De Sade, einst Mitstreiter der Französischen Revolution, verbrachte 15 Jahre als politischer Gefangener in einer Irrenanstalt, dort konfrontiert ihn Peter Weiss in seinem Drama »Marat/Sade« mit dem Revolutionsführer Marat, den Charlotte Corday 1793 in seiner Wanne mit einem Dolch erstach. Das 1964 uraufgeführte Stück ist ein ideologischer Schlagabtausch
zwischen einem resignierten, extremen Individualisten und dem revolutionären Sozialisten, der Blut nicht scheut. Es machte seinen Autor über Nacht berühmt. Tina Lanik hat es zum Saisonstart im Residenztheater inszeniert – als Groteske.

Der vollständige Titel lautet: »Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade«. Das spielt 1808 in einem Irrenhaus. Weshalb der Anstaltsdirektor bei aufrührerischen Reden beschwichtigt, dass man nur die Historie zitiere. Tina Lanik hat das Irrenhaus gestrichen, sie verortet die Aufführung in einem versifften Bad mit Waschbecken, Bidet und Marats Wanne. Auf Stefan Hageneiers Drehbühne ordnen sich hohe, verschachtelte Holzkästen mit blauen und orangefarbenen Wänden ständig neu, auch ein Fallbeil ist eingebaut, unter dem Charlotte Corday ihre Hinrichtung visionär vorab erlebt. Doch ohne Irrenhaus fehlt der Rahmen, der alles zusammenhält, auch die Beziehungen der Figuren bleiben diffus und verworren.

Der Spielleiter de Sade hat keine Lust mehr einzugreifen, allenfalls erinnert er die Mörderin, erst beim dritten Besuch zuzustechen. Mit riesigem Wanst, der nackt überm Kurzröckchen hängt, und strähnigem Langhaar hockt die großartige Charlotte Schwab lethargisch an einer Wand, rafft sich ab und zu auf zu großer Form in der Diskussion mit Marat. Der ist vom Furor beseelt, bringt unermüdlich mit blutiger Feder
(ohne Schreibbrett!) in der Wanne einen Aufruf zu nassem Papier. In der zentralen Auseinandersetzung fordert de Sade Marat auf, ihn zu peitschen. Dieser zaudert lange, tut es endlich – und de Sade schreit: »Aber doch nicht echt! Nur als ob!« Zu Marats Nachfolger ruft sich Jacques Roux (Thomas Lettow) aus, mit roter Fackel agitiert er über der Guillotine und steigt als Alter Ego zu ihm in die Wanne. Im langen Disput mit de Sade verknäueln sich alle drei zu einer Slapstick-Nummer. Grand Guignol im Blutwasser. Das gießt Marats Frau (Pauline Fusban) aus Eimern stets nach.

Manchmal steigen die Schauspieler aus den Rollen aus und verhandeln als Darsteller ihre politische Position. Nils Strunk hält eine flammende Agitations-Philippika gegen Rechtspopulismus, nennt aktuelle Namen (»Söderalismus«). Leider bedient sich Lanik da des allzu billigen, durchschaubaren Tricks inszenierter Zwischenrufe aus dem Publikum. Spannender wären echte Zuschauerreaktionen.Charlotte Corday, das schläfrige Provinzmädchen aus Caen,hat einen moralischen Auftrag: Marat zu töten. Ihr Liebhaber
Duperret (Thomas Gräßle) kann sie nicht abhalten: Lilith Häßles Charlotte beibt unbeirrbar. »Ich bin die Revolution«, streitet sie mit Marat. Ihr Mord ist ein orgiastischer Sex-Akt: Frau vergewaltigt Mann. Ein verwahrloster Armenchor (Joachim Nimtz, Wolfgang Rupperti, Götz Schulte) skandiert immer wieder das Volksempfinden in Sprechgesängen: »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden, Marat, wir wolln nicht mehr warten bis morgen«. Der Hospizleiter verschmilzt hier mit dem Ausrufer zu einem rappenden Zirkusdirektor – damit sahnt Michele Cuciuffo ab. Peter Weiss‘ Sympathie gehörte Marat, Tina Lanik folgt ihm darin. »Wir sind die, die die Welt verändern müssen«, ist die Botschaft des Abends. Das Schlusstableau zitiert das historische Gemälde von Jacques-Louis David. ||

MARAT/SADE
Residenztheater| 22. Okt.| 19.30 Uhr | 5., 13., 30. Nov. | 20 Uhr
Tickets: 089 21851940