Gleich drei Festivals beschäftigen sich mit dem Zustand Münchens, Europas und der weiten Welt.

»Pink Money« regiert auch in einer homophoben Gesellschaft | © Suzy Bernstein

Das biennale Münchner Tanz- und Theaterfestival Rodeo steht am Beginn eines Münchner Festivalmarathons. Vier Tage lang zeigt es Arbeiten der Münchner freien Szene, macht aber vor allem Künstler miteinander bekannt und lädt zu Veranstaltungen, in denen es um Vernetzung geht. Sogar im ganzwörtlichen Sinn, wenn Sandra de Berduccy, die einen interaktiven Teppich aus stromleitenden Fasern gewebt hat, diesen ab 9. Oktober im Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke ausstellt. Er darf auch benutzt werden, seine Berührung erzeugt Lichteffekte. Cornelie Müller, Micha Purucker und Christina Ruf, alle Urgesteine der freien Szene, stellen unter dem Label »Archiv« verschiedene Künstlerperspektiven vor (siehe Seite 11). Die Gruppe Tam Tam führt eine Entdeckungsreise mit dem Bus durch (12., 13. Okt.). Rodeo-Kuratorin Sarah Israel (siehe Interview in MF 77) empfiehlt »Pragmata«, den Theaterautomaten, der mit einem Kopf, einem Kasten und einem Zuschauer mechanisches Theater ins 21.Jahrhundert transformiert (11.–13. Okt.). Lassen wir uns überraschen!

Fast zwei Wochen lang will das Internationale Figurentheaterfestival im Anschluss all unsere Sinne öffnen. Danach wird im Rahmen des Internationalen Netzwerktreffens für freie Darstellende Künste (IETM), das zweimal jährlich an wechselnden Orten in aller Welt stattfindet, ein Showcase mit Theaterarbeiten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich gezeigt. Das IETM netzwerkt seit 1981 mit inzwischen gut 500 Künstlern und Organisationen aus 50 Ländern. Die Performances richten ihren Blick auf das Zusammenleben in einer Welt, die immer komplizierter zu werden scheint. Antonio Cerezo beschäftigt sich in »There is no home like place« mit Heimat (31. Okt. bis 2. Nov.). Flinn Works thematisieren in »Global Belly« Leihmutterschaft als postkoloniales Phänomen (1.Nov.). Das Citizen.KANE.Kollektiv erforscht in »Girls Boys Love Cash« den Körper als Ware im Kapitalismus (3. Nov.). Gemeinschaft stiftet Dennis Deters »Blow Boys Blow«, wenn Shanties gesungen werden (3. Nov.).

Nahezu zeitgleich mit IETM startet das Festival Politik im Freien Theater. Da fragt man ich, warum die Veranstalter sich nicht mal absprechen. Anscheinend schließt das programmatische Hinausschauen über den Tellerrand die nähere Umgebung und Kollegenschaft aus. Politik im freien Theater wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) initiiert und findet im Dreijahresrhythmus in verschiedenen deutschen Städten statt. In München lautet das Festivalthema »reich«. Die 16 Performances einschlägig bekannter Theatergruppen streifen die Themen Flucht, Migration, Postkolonialismus, Gender Diversity, Kinderarbeit, soziale Ungleichheit, Finanzmärkte und und und. Nahezu jedes Weltproblem wird von Experten des Alltags abgedeckt. Aber kommt dabei mehr als Zaunguckerei heraus? Nah am Zuschauer arbeitet »Enjoy Racism« von Thom Thruong. Im Setting eines Wohltätigkeitsdinners konfrontiert die Performance uns mit dem Rassismus inuns aufgeklärten Bildungsbürgern (3.–5. Nov.). »Pink Money« von Annalyzer, Covic, de Rooij, Jina, Mdluli und Schupp, das bereits im Januar im Schwere Reiter gastierte, feiert im Harry Klein das queere Leben, das man sich in einer homophoben Welt eben mit Pink Money erkaufen muss (8., 9. Nov.). Das belgische Performance-Kollektiv Ontroerend Goed lässt uns in »£¥€$ « um Geld spielen wie die Banken an der Börse (8., 9. Nov.).

Im unfassbar umfangreichen Rahmenprogramm findet man Vorträge, Diskussionen und Stadtführungen, die sich mit Armut in München beschäftigen. Karnik Gregorian und Bülent Kullukcu haben die Stadtperformance »Tagasyl« mit Tagelöhnern und Tagelöhnerinnen aus Bulgarien und Rumänien erarbeitet, in der man sich von Vorurteilen über angebliche Sozialschmarotzer befreien kann (5., 8. Nov.). Unter Specials findet sich die erste Folge der Theaterserie »Münchner Schichten« (7. Nov.), über die wir in der nächsten Ausgabe ausführlicher berichten werden. ||

RODEO–MÜNCHNER TANZ- UND THEATERFESTIVAL
Verschiedene Orte| 11.–14. Okt. | Programm und Tickets | tickets@rodeo.de

RES PUBLICA– THEATERPROGRAMM
DES IETM 2018 MUNICH
Verschiedene Orte| 31. Okt. bis 4. Nov.
Programm

POLITIK IM FREIEN THEATER
Verschiedene Orte| 1.–11. Nov.
Programm
Tickets: 089 23396600