…finde ich nicht so inspirierend. Festivalleiterin Sarah Israel spricht über Probleme und Perspektiven des Tanz- und Theaterfestivals Rodeo.

Sarah Israel will keine Kompromisse mehr machen| © Asja Schubert

Mit Rodeo hat sich die freie Szene Münchens 2010 selbst eine Plattform gezimmert, das Festival wurde später zwischen einem Kurator und zwei Jurys zerrieben, in den Stadtraum geschickt und im Netzwerken trainiert. Am 11. Oktober startet Festivalausgabe Nummer fünf.

Frau Israel, Ihr zweites Rodeo wird zugleich Ihr letztes sein. Warum machen Sie Schluss?
Es gibt verschiedene Gründe. Der erste: Ich bin zum dritten Mal dabei, 2014 bereits als Dramaturgin. Und seit ich Rodeo leite, bin ich die Einzige, die auswählt. Die Münchner Szene ist klein, ich habe gewisse Präferenzen und halte es deswegen für gesund, das jetzt jemand anderem zu übergeben. Zweitens sehe ich in dem Festival ein Potenzial, für das es aber mehr Mittel bräuchte. Und da diese auch über Drittmittelakquise nicht aufzutreiben sind, habe ich das Gefühl, mein drittes Rodeo wäre auch nur ein Kompromiss. Und drittens: Rodeo ist ein Werkvertrags-Festival. Das heißt, man kann sich der Festivalvorbereitung nicht fulltime widmen, sondern muss zusätzlich andere Dinge machen, um finanziell über die Runden zu kommen. Diese Dinge sind bei mir meistens außerhalb dieser Stadt. Damit stellt sich die Frage, wie ich perspektivisch den Anschluss an die Münchner Szene halten kann.

Wie genau würde ein kompromissloseres Rodeo aussehen?
In einer Welt, die politisch gerade alle Grenzen dichtmacht, finde ich es notwendiger denn je, neue Verbindungen einzugehen, wie wir es bei den Bloom-ups bereits versuchen. Das PAF (Performance Arts Festival) in Berlin lädt im Moment Festivalmacher aus anderen europäischen Regionen zum Knowledge Sharing ein. Um die zusätzlichen Mittel, die man dafür braucht, etwa bei der Bundeskulturstiftung beantragen zu können, müsste man aber ein produzierendes Festival sein, was wir nicht sind. Ich würde auch gerne mehr Gastspiele aus anderen Bundesländern einladen. Das Nur-unter-sich-Bleiben finde ich für ein Festival nicht so inspirierend.

Und wo bleibt dabei das Lokale?
Ja, das ist eine Kritik, die oft an Rodeo geübt wird. Ich finde aber, man muss lokal denken und trotzdem woanders hinfahren. Man muss die Künstler ja auch nicht zu ihrem Glück zwingen. Berkan Karpats Arbeitsbeziehung mit Raoul Amaar Abbas bestand schon vor ihrem gemeinsamen Bloom-up-Projekt. Anton Kaun und David Oppenheim kannten sich auch schon. Es ist ja nicht so, dass man hier etwas Neues erfunden hätte, aber wir und das Goethe-Institut geben Geld dazu, und so kann man als Festival Künstler schon auch unterstützen.

Moritz Ostruschnjaks Tanzperformance »BOIDS« | © Jubal-Battisti

Bei den ersten Bloom-ups 2016 haben Theaterleute noch nach einer Art Schwarzem Brett gefragt, auf dem man sich potenzielle Kooperationspartner auswählen kann.
Ja, ich glaube, man hat gelernt. Auch das nicht weiter markierte Mischen von Arbeitsständen und fertigen Produktionen im Programm ist beim letzten Mal berechtigterweise nicht so gut angekommen.

Hans-Georg Küppers weist unverdrossen alle zwei Jahre wieder darauf hin, dass Rodeo ein »lernendes Festival« ist. Was ist denn für Sie der nicht verhandelbare Kern und was gibt es noch zu lernen?
Es muss dabei sein: Der Münchner Künstler oder die Münchner Künstlerin mit etwas, was man mit ihnen gemeinsam entwickelt – wie jetzt mit den Münchner Theatertexterinnen – oder mit Wiederaufnahmen. Was man noch lernen kann: Netzwerkarbeit so zu verstetigen, dass sie auch den Künstlern mehr bringt und nicht nur dem Festival, das dadurch bekannter wird. Auf Bundesebene gewinnt die freie Szene gerade an Bedeutung, und wenn da mal Mittel ausgeschüttet werden, will man einer von denen sein, die davon profitieren. Was aber für die Künstler wirklich sinnvoll ist, darauf gibt es auch deshalb noch keine Antwort, weil ein nur alle zwei Jahre stattfindendes Festival keine Institution ist wie die Tanztendenz oder das HochX, die aber wiederum für das Herumreisen und Vernetzen gar kein Budget haben.

Wie haben Sie das Programm ausgewählt, in dem der Tanz diesmal auffallend präsenter ist als das Theater?
Die Auswahl folgt einer bestimmten Idee für den Moment und ist ganz sicher nicht repräsentativ für das, was in der Stadt passiert. Wenn man die neuesten Entwicklungen hätte zeigen wollen, hätte man auf jeden Fall Karen Breece und Emre Akal berücksichtigen müssen, weil ich gerade beobachte, wie Sprechtheaterästhetiken in München jetzt auch in der freien Szene Fuß fassen. Rodeo zeigt kein Best-of, sondern einzelne ästhetische Ansätze und anregende Künstlerpersönlichkeiten. So ist etwa Moritz Ostruschnjak für die Szene in meinen Augen gerade ein wichtiger Player, der außerdem vom letzten zu diesem Stück eine gewaltige Entwicklung hingelegt hat. Bei David von Westphalens »Fucking Disabled« interessieren mich Thema und Cast und ich erhoffe mir, dass der Abend einen Raum für Diskussionen öffnet.

Und warum zeigen sie Oliver Zahns »Zweiten Versuch über das Turnen«, dessen erste Version schon bei Spielart seine Chance hatte?
Weil ich hoffe, dass es ein Versuch bleibt. Mir ist es lieber, man probiert etwas und verhebt sich dabei, als dass man schon irgendwo anders ausprobierte Ästhetiken wiederholt oder sich große Staatsschauspieler einlädt und denkt, damit wuppt man irgendwie seine dokumentarische Recherche.

»Zweiter Versuch über das Turnen«| © Gianmarco Bresadola

Drei gestandene Akteure der freien Szene sind in einem Selbstarchivierungsprojekt beim diesjährigen Rodeo vertreten. Ist das jetzt die neue Beschäftigungstherapie für ausrangierte Szenehelden?
Wenn man böse ist, kann man’s so sehen. Die heikle Frage ist aber eine andere. Wir haben das Projekt beim Kulturreferat eingereicht, ich kann aber als Festival nicht für seine Weiterführung garantieren. Was mit solchen gestandenen Künstlerinnen und Künstlern passieren soll, ist ein infrastrukturelles Problem, das bundesweit gelöst werden muss. Ich kann das Festival nicht nur denjenigen widmen, die nicht mehr gefördert werden.

Worin besteht für Sie das Hauptpotenzial der Münchner Szene?
Das Potenzial ist schwer zu beurteilen, weil es sich mangels Förderung teilweise nicht entfalten kann und auch in den alten Handschriften steckt, die man meiner Meinung nach wieder mit ins Boot holen sollte. Dass etwa Berkan Karpat nicht mehr gefördert wird, verstehe ich einfach nicht.

Weil er inhaltlich und ästhetisch zwischen allen Stühlen sitzt?
Aber das ist doch super für eine freie Szene! Wenn das hier nicht geht, wo dann?

RODEO – MÜNCHNER TANZ- UND THEATERFESTIVAL
Verschiedene Orte | 11.–14. Oktober| Genaue Termine und Tickets | tickets@rodeomuenchen.de