Lulu Obermayer gräbt Puccinis Oper »La fanciulla del West« aus, die eine erstaunlich moderne Frauengeschichte erzählt.

Das Panorama der Sierra Nevada hat es Lulu Obermayer angetan | © Lulu Obermayer

Lulu Obermayer, könnte man salopp sagen, tanzt spartentechnisch auf vielen Hochzeiten. Ihre Ausbildungsvita reicht von Schauspielschulen in New York über ein Studium der Contemporary Performance Practice in Schottland und eines der Dramaturgie in Leipzig bis zum Master in Solo Dance in Berlin. Kein Wunder, dass sie Performerin, Dramaturgin und Regisseurin in Personalunion ist. Und sie ist der Oper zugewandt. Genauer gesagt den Opern von Giacomo Puccini, die an der Wende zum 20. Jahrhundert entstanden. Nach ihren feministischen Deutungen von »Tosca« und »Manon Lescaut«, die recht unterschiedlich aufgenommen wurden, knöpft Lulu Obermayer sich die, wie sie sagt Außenseiteroper »La fanciulla del West« vor, die 1910 in New York ihre Uraufführung erlebte. Wie der Zufall es will, wird Filmregisseur Andreas Dresen das Werk im März 2019 an der Bayerischen Staatsoper inszenieren.

Lulu Obermayer sucht in den Opern subversives Potenzial. Sie findet es in der Aussage der Sängerin Tosca, dass diese zuerst für die Kunst und dann erst für die Liebe lebt. Sie findet es ebenso im Kampf Manons gegen den Tod in der Wüste. Sterben tun allerdings beide Frauen in Schönheit. Nicht so die Minnie aus »Fanciulla«. Allein schon, dass die Oper im Wilden Westen spielt, in einem kalifornischen Goldgräberlager zur Zeit des Goldrausches, ist ein Genrebruch. Minnie ist eine gestandene Saloonwirtin, die den ungehobelten Goldgräbern Bibelstunden erteilt. Die Männer sind alle in sie verliebt, Kunststück, sie ist die einzige Frau weit und breit. Doch sie verliebt sich in den mexikanischen Räuber Ramirez und rettet ihn vor dem Galgen, indem sie um ihn pokert und dabei betrügt. Ende gut, alles gut. Doch auch in welche Richtungen die Geschichte nach dem Happy End gehen könnte, überlegt Lulu Obermayer.

Minnie bleibt nicht das einzige Girl in der Performance »The Girl(s) of the Golden West«. Lulu Obermayer schaut sich auch andere Frauenfiguren in der amerikanischen Oper an und überhaupt andere Frauenschicksale. Letztendlich ist Oper für sie auch nur eines von vielen Tools. Was die Minnie betrifft, kann sie sich aus einem reichen Arsenal bedienen. Vorbild für Puccinis Oper war ein Schauspiel. Es gab aber auch noch einen Roman, ein Musical und mehrere Stummfilme. All diese Genres sollen sich überlappen und ein Hybrid bilden. Noch sieht die Performerin sich im Gespräch mit den verschiedenen Formen und dem Material, das sie gesammelt hat. Die Recherchephase ist gerade erst abgeschlossen. Sie will die Geschichte schließlich nicht eins zu eins erzählen, ist eher an emotionalen Zuständen interessiert. Der Wilde Westen als Sehnsuchtsort wird auf jeden Fall eine zentrale Rolle spielen. Dafür will sie Bilder der Sierra Nevada, wo die alten Filme gedreht wurden, verwenden. Zur Landschaft gehören auch die Mustangs, einstmals Millionen von wilden Pferden, die im Laufe der Besiedelung massakriert wurden. Lulu Obermayer arbeitet mit Videos, Silhouetten und Projektionen. Schatten auch in Form von Schattenrissen werden die Optik bestimmen.

Musik aber auch. Normalerweise hängt Lulu Obermayer ihre Performances an einer Einzelarie auf, das bietet sich hier nicht so an, weil die Figuren kaum Arien haben. Mit Michele Piazzi wird sie einen Sound für die Performance erarbeiten und auch selber singen, sich möglicherweise bei amerikanischer Volksmusik bedienen und vielleicht leitmotivisch eine Melodie einbauen, die Ramirez als Kind hörte und an der er Minnie wiedererkennt. »Der Stand der Dinge ist, wie wird all das, was ich zusammengesammelt habe, performativ, wie lässt sich das in Bilder umsetzen? Wie bin ich treulos treu?« Wir werden es sehen. ||

THE GIRL(S) OF THE GOLDEN WEST
HochX | Entenbachstr. 37 | 20.–23. Sept. | 20 Uhr
Tickets: 089 90155102