Seit seiner preisgekrönten Rolle in Doris Dörries »Kirschblüten – Hanami« erlebt Elmar Wepper im Kino seinen zweiten Frühling. Jetzt spricht der 74-Jährige über sein neues Leinwandwerk, ein verpasstes Studium und warum er am liebsten nur noch im Dialekt drehen will.

Elmar Wepper | © Mathias Bothor

Wenn man sich Ihre Kinokarriere so ansieht, dann könnte man beinahe geneigt sein, den immer wieder beanspruchten Vergleich mit dem Rebensaft zu ziehen, der immer besser wird, je länger er reift.
Es gibt natürlich auch Weine, die kippen irgendwann. Du hebst sie ewig auf, dann öffnest du sie und es kommt die große Enttäuschung. Aber ich weiß natürlich, was Sie damit meinen. Ich empfinde meine Situation durchaus als ein Privileg. Das hat auch mit einigen glücklichen Umständen zu tun, so wie sich das in den letzten Jahren entwickelt hat.

Mit »Grüner wird’s nicht« vollenden Sie nun gemeinsam mit dem Produzenten Benjamin Hermann eine Art Trilogie, die 2008 mit »Kirschblüten – Hanami« begann und 2011 mit »Dreiviertelmond« ihre Fortsetzung fand. Ein Zufall?
Dieser Film war nicht von langer Hand geplant, so in dem Sinne »jetzt machen wir alle sieben, acht Jahre mal wieder ein Projekt mit dem Elmar«. Das hat sich über ein zufälliges Gespräch unter Freunden ergeben. Luca Verhoeven hatte mich irgendwann einmal angesprochen und mir den Roman von Jockel Tschiersch zu lesen gegeben. Darin war die innere und äußere Reise von diesem armen Schorsch schon sehr schön beschrieben. Kurz darauf treffe ich Benjamin auf irgendeiner Premiere, erzähle ihm davon, und schon ist das Ganze in Gang gekommen.

Dieser Schorsch ist ja ein ähnlicher Grantler wie der Taxler Hartmut aus »Dreiviertelmond«. Haben Sie keine Sorge, in einer Schublade zu landen?
Nein, die habe ich nicht. Das sind ja Grantler, die sich so ein bisschen vom Saulus zum Paulus wandeln, die unter der verkrusteten, harten Schale eigentlich ein gutes Herz besitzen. Das ist schön zu spielen, wenn ein Charakter immer derselbe ist, aber am Schluss nicht mehr der gleiche, wie er am Anfang war. Und es ist ja nicht so, dass hier ein Menschenfreund plötzlich zum Bad Boy wird.

»Grüner wird’s nicht« hat durchaus viel Komödiantisches, aber es gibt auch einige hochemotionale Szenen, die zu Tränen rühren.
Ich glaube, im Film wie auch beim Theater, und da hat sich in den 2 000 Jahren von den alten Griechen bis heute nicht viel geändert, gilt es, und das zieht sich durch alle Genres, Gefühle zu erwecken. Angst, Freude, Mitleid, Furcht, Panik – das war das Ziel der griechischen Schauspielerei, und das will auch das Kino. Dominik Graf, der ja seine Filme »vom Kopf her macht«, hat mir einmal erzählt, dass es das Wichtigste für ihn sei – auch in Krimis – Gefühle im Zuschauer zu erzeugen. Wenn das ein Werk irgendwie schafft, vielleicht sogar einmal an der Grenze zur Sentimentalität, dann finde ich das allemal besser, als wenn man in einem Film sitzt, der vielleicht toll gemacht ist, wo man aber nur interessiert hinguckt. Das ist mir zu wenig.

Aber gerade, wenn es zu sentimental wird, kann die Situation gerne auch mal ins Kitschige kippen …
Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Drehtag von »Kirschblüten«, es war der zweite Tag, diese hochemotionale Todesszene stand an. Mein Charakter, Rudi, tanzt vor dem Fujiyama im Kimono seiner Frau, und dann taucht Hannelore Elsner auf. Damals wussten wir natürlich nicht, wie das Publikum darauf reagieren wird. Die Szene ist etwa fünf Minuten vor dem Schluss. Es wäre denkbar gewesen, dass die Zuschauer zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Minuten auf ihren Sesseln herumrutschen und auf die Uhr schauen. Das Ganze war wirklich eine Gratwanderung, die in diesem Fall aber ein positives Ende gefunden hat.

Was an »Grüner wird’s nicht« auffällt: Es wimmelt nur so vor einsamen Menschen, Einzelkämpfern, Einzelkindern … Sind Sie selbst froh, einen großen Bruder zu haben?
Ja, freilich. Es mag ja manchmal nach außen hin der Eindruck entstehen, wir hätten uns nichts zu sagen, aber das Gegenteil ist der Fall. Uns verbindet eine große Liebe. Wir sind zwar in vielen Dingen sehr unterschiedlich, doch Fritz sagt immer: Dick ist das Blut. Denn sollte der eine einmal ein Problem haben, dann ist der Schulterschluss ganz schnell da. Wir helfen uns, wir schätzen uns, wir mögen uns. Und darüber bin ich sehr froh.

Aber er hat Ihnen das Medizinstudium vermasselt …
(Lacht.) Ja, der Fritz war schuld, dass ich das nicht gemacht habe. Er hat mich da mit reingenommen, ohne allerdings groß aktiv zu werden. Denn sie haben ihn damals beim Funk gefragt: »Du hast doch einen Bruder, nimm den mal mit, ist der auch begabt?« Dann habe ich synchronisiert und plötzlich bin ich noch während der Schulzeit bei der Schauspielerei gelandet. Nach Abi und Bundeswehr wollte ich eigentlich Medizin studieren. Aber zu diesem Zeitpunkt wurde Theatergeschichte gerade ordentliches Studienfach, und das habe ich als einen Wink des Schicksals genommen. Aber ohne Fritz’ Zutun wäre ich heute vielleicht glücklicher Kinderarzt (lacht erneut).

Sie haben einmal über sich gesagt, dass Ihr Selbstbewusstsein als Schauspieler nie sonderlich ausgeprägt war. Hat sich das über die Jahre nicht gelegt?
Nein. Das fing schon mit den ersten Funkspots an. Ich weiß noch, wie ich als elfjähriger Bub in die Schornstraße (noch heute Sitz der Bavaria Musikstudios, Anm. d. Red.) gefahren bin.
Das war immer mit gewissen Ängsten verbunden, weil ich mit leichten vokalischen bairischen Färbungen zu kämpfen hatte. Auch später hatte ich nie das Gefühl, ich sei ein berufener Schauspieler. Es gab Zeiten, da hieß es bei mir eher »nolens« als »volens«. Und auch wenn mir mein Beruf große Freude macht, diese Unsicherheiten habe ich über die Jahre nie abgelegt.

Vor Kurzem waren Sie im BR in Franz Xaver Bogners neuer Serie »Moni’s Grill« zu sehen, mehr als 30 Jahre nach Ihrem Auftritt als Sepp Gruber in »Irgendwie und Sowieso«.
Ja, da haben Fritz und ich uns in einer Episode selbst gespielt. Da schauen wir ab und zu am Viktualienmarkt vorbei, trinken bei Moni ein Bier und plaudern als Brüder. Der Franz besitzt ja nun eine hohe Qualität im Dialogeschreiben und im Erfinden von Typen und Charakteren. Ich kenne jetzt nur unsere Folge und kann auch nur für diese sprechen: Aber wenn hier die »echten« auf die »erfundenen« Figuren treffen, dann beißt sich das manchmal etwas.

Schade eigentlich, denn Bogner ist ein hervorragender Filmemacher, hat uns so wunderbare Serien geschenkt.
Ja, neben Dietl ist er der Beste. Auch Franz Geiger ist ein großartiger Autor, man denke nur an »Der Millionenbauer«. Und ohne jetzt mal unser Schauspielerlicht unter den Scheffel zu stellen, aber den Erfolg von »Irgendwie und Sowieso« oder den »Münchner Geschichten« haben wir den Autoren zu verdanken. Und da ist es natürlich wunderbar, wenn man dazu die geeigneten Schauspieler findet. Hier besitzt Bayern ja ein großes Repertoire. Aber es sind die Geschichten, die Dialoge, die Menschen, die hier auf großartige Weise erfunden werden.

Einer, der zur neuen Garde bayerischer Regisseure zählt, ist Marcus H. Rosenmüller. Er hat ja den Mundartfilm quasi neu erfunden. Beobachten Sie derlei Entwicklungen?
Ja, und mit Freude. Ich habe natürlich auch viel Hochdeutsch gespielt, stelle aber mittlerweile fest, dass ich nur noch im Dialekt arbeiten möchte. Das ist ein anderes Spielen, es besitzt eine eigene Syntax, eigene Metaphern, eine eigene Bildersprache. Denken und Reden ist hier völlig identisch, da musst du nichts übersetzen. Und du spielst auch anders im Dialekt, du bewegst dich anders, nicht bewusst, dass du dir sagst, ich spreche jetzt bairisch, denn du spielst ja trotzdem deine Figur. Und das finde ich toll. ||

GRÜNER WIRD’S NICHT
Deutschland 2018 | Regie: Florian Gallenberger
Mit: Elmar Wepper, Emma Bading, Monika Baumgartner u. a. | 113 Minuten | Kinostart: 30. August
Trailer