Otto Dzemlas Plakate für das Volkstheater kennt jeder in der Stadt und viele regen sich über sie auf. Der Künstler will damit Gedankenprozesse anstoßen.

Otto Dzemla | © Gabriela Neeb

An der Wand in seinem Atelier in der Au hängen seine Plakate: die Katze mit dem Hitlerschnurrbart, der engelhafte Kinderkopf unter einer Plastiktüte, der gekreuzigte Frosch, den der damalige Oberbürgermeister Christian Ude aus der Innenstadt verbannte. Das Wort Provokation fehlt in keinem Artikel über Otto Dzemla. Bei ihm selbst jedoch löst es Unbehagen aus. »Es klingt so aggressiv, als wolle ich den Leuten zeigen, wie kleinbürgerlich und blöde sie sind.« Das, betont er, sei nicht seine Intention. »Ich will Aufmerksamkeit erregen – das ist meine Aufgabe – und Gedankenprozesse anstoßen.«

Seit 2002 gestaltet Otto Dzemla als Hausgrafiker das Spielzeitheft und die Plakate des Volkstheaters, und manche Menschen empfinden die Plakate als eine Zumutung. Nein, schön sind sie nicht. Das in einer Mülltonne entsorgte Reh, das »Die Orestie« ankündigte, das gruselig realistische, halb nackte Camperpaar, mit dem er Lars Noréns Beziehungshöllendrama »Dämonen« bewarb. Die Firma Ströer fand das Foto von Naomi Harris »pornografisch« und wollte es nicht auf ihren Litfaßsäulen dulden. Als Dzemla für Shakespeares »Sommernachtstraum« ein rücklings an einen Esel gelehntes Mädchen in Strapsen abbildete, protestierte die Münchner Gleichstellungsstelle. Das Plakat für »Das ferne Land«, zwei sich umarmende Männer in Unterhosen mit anschwellendem Glied, ließ Facebook löschen. Empörte Zuschauer bestellten den monatlichen Theaterflyer ab.

Dzemlas Plakate, für die er Motive von Fotografen und Künstlern wie Martin Kippenberger, Erwin Wurm und Martin Parr verwendet, irritieren und bringen einen immer wieder dazu, die eigene Irritation zu hinterfragen. Wenn man auf dem Festivalposter für »Radikal jung« sich küssende Neonazis sieht, zuckt man zusammen. Doch dann wird einem klar, dass diese schwulen Rechten wirklich »radikal jung« sind, und plötzlich klingt die im Kulturbetrieb so positiv besetzte Wortpaarung nicht mehr cool und harmlos. Einige Dzemla-Plakate sind unverschämt lustig wie jenes für die Komödie »Volpone«, eine Knackwurst mit Schleife als »Verhohnepiepelung des Pimmelstolzes«, andere verstörend hässlich. Manche mögen da gar nicht hinschauen. Wenn man es tut, nötigen sie einen nachzudenken. Schließlich ist es ja erstaunlich, dass sich umarmende Männer heute noch schockieren können. Ressentiments gegen Schwule vermutete das Theater dahinter. Damit allein aber ist die Empörung nicht zu erklären. Zwei deowerbungsschöne Männer in Designershorts hätten die meisten als ästhetisch empfunden, ebenso wie das Mädchen mit Esel etwas hochglanzmagazintauglicher inszeniert keinen kirre gemacht hätte. Eine Erektion in verrutschter Unterhose über haarigen Beinen jedoch wirkt anstößig. »Das Schniedelthema« versteht Dzemla als seinen »feministischen Auftrag«: »Nackte Frauen sind omnipräsent, der Pimmel aber ist mit einem Tabu belegt. Entweder hören wir auf, den weiblichen Körper zum Werbeobjekt zu machen oder wir müssen Männerkörper ebenso offen zeigen dürfen.«

Er nimmt sich viel Zeit für die Suche nach passgenauen Motiven für eine Aufführung, spricht mit Regisseuren über den Fokus ihrer Inszenierung, ehe er beginnt, Fotobücher, Kunstbände und Bilderstrecken im Netz zu durchforsten. Dreißig bis fünfzig Entwürfe legt er bei jeder Präsentation im Theater vor, darunter auch solche, von denen er weiß, dass sie keine Chance haben, die er einfach nur superlustig findet. Ökonomisch effizient ist diese Arbeitsweise nicht, räumt er ein, aber »es macht halt so viel Spaß«.

Man kann herzlich lachen mit Otto Dzemla. Er liebt den schrägen Humor eines Erwin Wurm. Er mag die Schäbigkeit der Normalität auf Martin Parrs Fotos. »Wir schaffen es ja nie, so am Frühstückstisch zu sitzen wie in der Margarinewerbung. Die meisten von uns finden ihr Spiegelbild morgens eher kümmerlich. Wir messen uns beständig an medialen Bildern und scheitern alle daran.« Wenn man den Witz in den eigenen Unzulänglichkeiten erkennt, meint er, habe dies etwas Befreiendes. »Ich nehme mir die Freiheit, auch unschöne Wahrheiten zu zeigen, weil sie zum Leben gehören.«

Über seine Arbeit redet er gerne und unbefangen. Wenn man nach dem Menschen Otto Dzemla fragt, antwortet er plötzlich zögernd und sagt Sätze wie »Aussagen über einen selber sind doch meistens gelogen«. Sein Innerstes will er nicht öffentlich ausstellen. Sogar sein Alter hält er für seine »Privatsache« und möchte es auf keinen Fall in der Zeitung lesen. Der in Würzburg geborene Grafiker hat nicht die klassische bürgerliche Biografie vieler Kreativer, ist nicht mit Theater- und Kunstkursen groß geworden. Seine Mutter war Putzfrau. Lange wusste er nicht, was er mit sich und seinem Leben anfangen sollte. »Ich bin völlig orientierungslos ins Erwachsenwerden gestolpert.«

Ein Freund seiner Schwester, der malte, ermutigte ihn zu zeichnen. Er studierte Visuelle Kommunikation in Hamburg, hat unter Christoph Vitali für das Haus der Kunst gearbeitet, ehe Christian Stückl ihn ans Volkstheater holte. Inzwischen sind Dzemlas Plakate das Markenzeichen des Hauses. Was Stückl an Otto Dzemla besonders schätzt, ist, dass er so eigensinnig anders denkt als er selbst. Nicht immer allerdings lassen sich ihre Positionen aussöhnen. Als Dzemla für die Hochhuth-Inszenierung »Der Stellvertreter« ein Hitlerbild auf die Plakate drucken wollte, sagte Stückl kategorisch Nein. Das wäre für ihn eine politische Todsünde gewesen. Auch Dzemla hat seine persönliche moralische Grenze: Er würde nie Gewalt als puren Effekt und Kick benutzen. Die »Pornografisierung von Gewalt« empfindet er als obszön. »Einen nackten Schniedel dagegen«, erklärt er und lacht, »kann ich völlig schmerzfrei betrachten.«

Gerade hat Stückl seinen Vertrag als Intendant bis 2025 verlängert. Und mit ihm wird auch Otto Dzemla dem Volkstheater erhalten bleiben. Eine beglückendere Arbeit kann er sich nicht vorstellen. »Ich darf Bilder finden und erfinden, die etwas über den Menschen, dieses komische Wesen, und unsere Gesellschaft erzählen.« Bilder, die nicht jedem gefallen müssen. Manche Reaktionen jedoch sind ihm unbegreiflich. Dass sein »Klein Eyolf«-Plakat, das den nackten Oberkörper eines Jungen über Geranienblüten zeigt, bei aufgebrachten Bürgern Päderastie-Assoziationen weckte, kann er bis heute nicht fassen. Er selbst hat das Foto »in kindlicher Unschuld« ausgewählt. Letztendlich, glaubt er, sagt das, was jemand in einem Bild sieht und worüber er sich empört, vor allem etwas über den Betrachter aus. ||