Stefan Zweigs neu editiertes und kommentiertes Spätwerk »Die Welt von Gestern« ist von einer bezwingenden Zeitlosigkeit und Aktualität.

Seit 1985 steht die Zweig-Büste von Josef Zenzmaier am Kapuzinerkloster in Salzburg

Es ist der frühe Morgen des 18. Februar 1934. Vier Polizisten kommen unangekündigt auf den Kapuzinerberg 5, um das Paschinger Schlössl zu durchsuchen. Stefan Zweig (1881–1942) ist denunziert worden, in seinem Besitz befänden sich Waffen des Republikanischen Schutzbundes. In diesen Tagen nach dem Wiener Februaraufstand der Sozialdemokraten gegen den austrofaschistischen Ständestaat kann Zweig es hier, in Salzburg, in seinem Österreich, nicht länger aushalten. Die Hausdurchsuchung trifft ihn tief. Die Geschehnisse wird Stefan Zweig zum Anlass nehmen, in seinem Leben eine irreversible Zäsur vorzunehmen: noch in diesem Februar in den Zug zu steigen und Österreich zu verlassen. Für immer.

Salzburg. Hier hat er gern gelebt – nach seiner Zeit in der Geburtsstadt Wien und, während des Ersten Weltkriegs, der Schweiz. Es waren die Jahre 1919 bis 1934. Fünfzehn lange Jahre, in denen er von großem Schaffensdrang und höchster Kreativität ist. Es erscheinen Werke wie »Sternstunden der Menschheit« (1927), »Verwirrung der Gefühle« (1927) oder die von Roberto Rossellini mit Ingrid Bergman 1954 in München verfilmte Novelle »Angst« (1920/1925). Geht man heute durch die Mozart-Stadt Salzburg, so sind Stefan Zweigs Spuren vielfach sichtbar, in der Stadt mit »ihrer romantischen Abgelegenheit«, die für ihn zugleich »zur künstlerischen Hauptstadt Europas« avancierte, wie er in »Die Welt von Gestern« (1942) schreibt.

Da ist der Kapuzinerberg mit dem durch einen Torbogen von der Linzergasse abzweigenden Stefan-Zweig-Weg, dem weiten Anwesen des Paschinger Schlössls mit seinen Terrassengärten, der am Kapuzinerkloster 1985 aufgestellten Büste des Bildhauers Josef Zenzmaier, den vier am Kapuzinerberg 5 in den Boden eingelassenen Stolpersteinen für Zweig, seine Frau Friderike Zweig-Winternitz und deren beide mit in die Ehe gebrachten Töchter Alexia und Susanna. Sowie auf der anderen Seite der Salzach unterhalb des Mönchsbergs das internationale Stefan Zweig Centre.

Stolperstein für Stefan Zweig vor dem Anwesen am Kapuzinerberg 5| © Thilo Wydra

Die nun erschienene Neuausgabe von »Die Welt von Gestern« wurde vom Zweig-Biografen Oliver Matuschek um einen rund 230 Seiten umfassenden Anhang neu ergänzt: Neben einem erhellenden, die Entstehungsgeschichte dieses bedeutenden Spätwerks detailliert umreißenden Nachwort ist das Buch mit einem umfangreichen Quellenkommentar versehen, der die werkimmanenten Bezüge und Begriffe erläutert. Salzburg – und darum ist diese Lebensstation so eminent wichtig – ist zugleich der letzte Ort, an dem sich der sensible Schriftsteller sicher fühlt, heimisch, vielleicht auch angekommen. Alles, was auf Salzburg folgt, in den wenigen ihm noch verbleibenden Jahren, bedeutet das Gegenteil dessen: Unbehaustheit, Fremdsein, Sich-auf-WanderschaftBefinden, innere wie äußere Heimatlosigkeit. Auf Salzburg wird die Zeit der schmerzlichen Emigration folgen, die insgesamt acht Jahre dauert. Bis er nicht mehr kann. Zweigs zukünftige Frau, seine Sekretärin Charlotte Altmann (1908–1942), kommt mit ihm. 1938 lässt sich Zweig von seiner ersten Frau Friderike, die er 1920 heiratete, scheiden, hält aber weiterhin Kontakt zu ihr.

Die erste Station nach dem Verlassen Salzburgs ist London. In dem Küstenort Bath, an der englischen Westküste, richten sich Stefan Zweig und Lotte schließlich ein. Hier wollen sie heiraten. Es ist der 1. September 1939, als Zweig auf dem Standesamt die Heirat anmeldet, und just, als der Standesbeamte »seine Feder nahm und begann mit schönen runden Lettern unsere Namen in sein Buch zu schreiben«, stürzt ein junger Beamter in die Stube und ruft laut: »Das ist der Krieg!« Erneut fällt Zweig, der sich ohnehin fremd fühlt und sich nun überdies als »enemy alien« kategorisiert wird, in eine seiner Depressionen. Es wird – dieses latente Gefühl zieht sich durch das gesamte dickleibige Buch – nicht gut enden.

Die Zweigs ziehen 1940 weiter, verlassen die Alte Welt. Amerika ist das vorläufige Ziel, New York City. Schöne Neue Welt. Dann das nördlich gelegene New Haven in Connecticut, dann Ossining an Hudson River. Das Endziel der langen Reise ist Brasilien. Erst Rio. Schließlich und endlich der in den Bergen vor Rio gelegene kleine Ort Petrópolis. Im August 1941 wird der weltweit gefeierte Autor auch in Rio willkommen geheißen. Doch Zweig vermag es nicht mehr, sich in diesem neuen Leben einzurichten. Nach gemeinsamer Vorbereitung und Absprache nehmen sich Stefan und Lotte Zweig in der Nacht auf Montag, den 23. Februar 1942, das Leben, sie vergiften sich. Ihre leblosen Körper werden von der Haushälterin nachmittags in ihrem Haus gefunden, und es werden Fotografien von ihnen gemacht, die auch heute einsehbar sind. Da liegen sie, Stefan Zweig auf dem Rücken, Lotte hat sich an ihn geschmiegt und liegt auf der Seite. Ein Arm von ihr umarmt ihn. Lotte ist 34 Jahre alt geworden. Der weltberühmte Schriftsteller 60.

Heute wirkt Stefan Zweigs autobiografisches Zeitgemälde mitunter, als sei es in unserer Gegenwart geschrieben. Von dem etwas betulichen, manchmal altbacken verschnörkelt wirkenden, jedoch wunderschönen Sprachduktus einmal abgesehen, schreibt Zweig in den Entstehungsjahren 1939 bis 1941 Sätze nieder, die auch heute hätten verfasst sein können: »Aber ich war nicht allein mit diesem Gefühl der Unsicherheit. Allmählich begann sich Beunruhigung über ganz Europa zu verbreiten.« Das macht dieses erste der beiden wichtigsten posthum publizierten Zweig-Bücher auch so ungemein bezwingend (das andere ist sein wohl berühmtestes überhaupt, die »Schachnovelle« von 1942/1943).

»Die Welt von Gestern« durchzieht eine große Traurigkeit. Da nimmt ein Mensch Abschied von seinem Leben, von seiner Welt, von allem Vertrauten. »Und ich wußte: abermals war alles Vergangene vorüber, alles Geleistete zunichte – Europa, unsere Heimat, für die wir gelebt, weit über unser eigenes Leben hinaus zerstört.« Der traurig tröstliche Schlusssatz dieses schmerzlich schönen Buchs, und mit ihm viele andere Passagen, hallt in einem nach – lange noch: »Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.« ||

STEFAN ZWEIG: DIE WELT VON GESTERN. ERINNERUNGEN EINES EUROPÄERS
S. Fischer, 2017 | 704 Seiten | 32 Euro