Im August macht die Tanzwerkstatt Europa München zu einem internationalen Hotspot der Tanzszene.

Louise Lecavalier und Robert Abubo in »Battleground«| © Katja Illner

Seit 1991 gibt es in München die Tanzwerkstatt Europa, von Walter Heun ins Leben gerufen, mit einer einfachen Rechnung, die jedes Jahr aufgeht: Sommerkurse mit einem Festival, eine Veranstaltungsreihe mit Workshops für Profis und Laien. Aus der klugen Verquickung dieser beiden traditionellen Formate entstehen Synergien, die nach wie vor sprühen in dieser Werkstatt des Tanzens, des Staunens und des Denkens über Tanz. Das Programm der Kurse reicht von diversen Contemporary-Dance-Klassen über »The mystery of dramaturgy« von Alain-Platel-Dramaturgin Hildegard De Vuyst sowie das Forschen über mechanische Objekte, Maschinen und digitale Medien mit Kris Verdonck bis hin zu Charlie Morrisseys Workshops zur Kontaktimprovisation oder zum Sehen und Gesehen-Werden in der Performancepraxis. Zehn Tage dauert die Werkstatt – die Gratis-Schnupperworkshops von Quim Bigas und Henry Montes plus die Vorstellung aller Workshopdozenten am 31. Juli sowie die Final Lecture am 11. August mit den Ergebnissen der Kursteilnehmer nebst Abschlussparty nicht eingerechnet.

Das Performanceprogramm beginnt dieses Jahr wieder mit einem Highlight (1./2. August, Muffathalle): Louise Lecavalier, kanadisches Tanzgenie und Ex-Frontfrau von LaLaLa Human Steps, ließ sich für »Battleground« von Italo Calvinos Novelle »Der Ritter, den es nicht gab« inspirieren, schuf dazu andere Helden und Antihelden für ihr feinsinniges Schlachtfeld, auf dem Lecavalier selbst als Chevalier und schwarzer Ritter mit ihrem Gegenbild und Partner Robert Abubo tanzt. Der Belgier Jan Martens kämpft mit sich selbst, denn er schuf ein Solo, das den Versuch des Schaffens feiert (3. August, HochX). Die Belgierin Lisbeth Gruwez feiert eine besondere Art von Musik und was Mensch und Musik miteinandermachen: »Lisbeth Gruwez dances Bob Dylan« (4. August, Muffathalle). Und einen speziellen Dialog unternimmt Willi Dorner, wenn er Körper mit der konzeptuellen visuellen Poesie von Heinz Gappmayr verbindet (9. August, HochX). Ordnungen erforscht auch, zum Abschluss, ein treuer Begleiter der Tanzwerkstatt, der französische Tänzer und Choreograf Noé Soulier, der in »Faits et gestes« (10. August, Muffathalle) dieTänzer jeden Abend neu entscheiden lässt, wie das Regelwerk umgesetzt wird.

Tanz und Klang: Sabine Glenz choreografiert »Rhizom«| © Franz Kimmel

Eine Uraufführung steht auch auf dem Programm (7.–9. August), ein »choreografisches Konzert« von Sabine Glenz mit den Schlagzeugern der Münchner Philharmoniker. Mit den Philharmonikern hat die Münchner Choreografin schon 2016 zusammengearbeitet, bei einer Auftragsarbeit für das MPHIL 360° Festival zu Prokowjew, dann 2017 in ihrem Projekt »Phasen. Machen« zur Musik von Steve Reich – und nun zum guten
dritten Mal mit einer Choreografie zu John Cages »Three Constructions«. Die Stücke aus den Jahren 1939 bis 1941 waren ein von Glenz gern aufgegriffener Vorschlag der Perkussionisten des Orchesters, die wieder mit auf der Bühne stehen. Bei dieser frühen Musik von Cage – und den »Interludes« des Münchners Robert Merdzo – kommt es darauf an, so Glenz, »sich auf ein offenes Format einzulassen«. Deshalb arbeitete sie im Juni
mit einem offenen Probenplan: Jeder kann kommen und gehen,man spielt sich nicht auf bestimmte Konstellationen ein, sondern arbeitet an individuellen Entscheidungen, Klangnuancen, lebendigen Bewegungsreaktionen. »Eine Form der Selbstorganisation, wo jeder Teil Verantwortung trägt«, meint Glenz, für ein Zusammenspiel ohne Ende – deshalb auch der Titel »Rhizom« –, das in immer weitere Verzweigungen mündet. »Überall, wo etwas zerbricht oder sich verfehlt, entsteht etwas Neues.«

Anfang Juli wird sich klären, wie viel Platz die Instrumente als Setting einnehmen werden. Denn die Grenzen zwischen Tänzern und Musikern sollen sich auflösen. Deshalb arbeitet Glenz in dem ihr seit Jahren vertrauten Schwere Reiter. »Ein Ort, der sich um seine Künstler kümmert«, meint Glenz.
»Grundsätzlich ist es wichtig, einen solchen Ort für freischaffende Choreografen zu bewahren, damit auf der Bühne über eine längere Zeit hinweg geprobt werden kann.« Es wird wohl ein raumgreifendes Projekt: »Hoffentlich passt alles da rein«, sieben Tänzer, sieben Musiker, die Gegenstände. Wie das Plakat ahnen lässt: Der alte Holzboden spielt eine Rolle und einsilberfarbener Tanzteppich auch. ||

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