Ryley Walker ist ein nachdenklicher Mensch. Und er macht daraus hinreißende Lieder.

Euphorischer Grübler: Ryley Walker | © Evan Jenkins

Er ist ein Suchender. Und er ist ein Findender. Doch mit dem Finden gibt sich der Chicagoer Singer-Songwriter Ryley Walker niemals zufrieden, denn jede Errungenschaft ist die Ausgangsbasis für eine neue Suche. Mit seinem Album »Primrose Green« fand der schlaksige, immer etwas schüchtern wirkende Sänger und Gitarrist eine stimmige Synthese von britischem Folk und amerikanischem Jazz, auf »Golden Sings That Have Been Sung« verneigte er sich aus der Americana-Perspektive vor John und Alice Coltrane. Mit seiner neuen CD »Deafman Glance« beschreitet er abermals neue Wege. Ausgangspunkt ist der frühe Chicagoer Postrock. »Ich orientierte mich stark an Bands wie The Red Crayola, Gastr Del Sol, Isotope 217 oder den frühen Tortoise«, bestätigt Walker seine groß angelegte Klangverwirrung. »Jim O’Rourke konnte diese wunderbaren Popmelodien schreiben, und im nächsten Moment spielte er einen frei improvisierten Gig. Das stand sich nicht gegenseitig im Weg. Ich finde das sehr inspirierend und wollte auf die gleiche Weise Verbindungen zwischen den Auffassungen von John Fahey und Derek Bailey finden. Etwas, das zur gleichen Zeit Glück und Depression repräsentiert.«

Auch Walker hat einen Hang zu großen Melodien, doch die verstecken sich im Hintergrund. Viel mehr geht es um eine erratische Stimmung, die von euphorisch auf depressiv umschaltet und umgekehrt. Die Songs mäandern durch unerforschte Klangebenen, auf denen sich seine Texte wie demütig vorgetragene Gedankenketten ausbreiten. Leicht macht er es weder sich noch seinen Hörern. Obwohl Walker keinen konkreten Jazzvorbildern folgt, ist die Gesamtanmutung von »Deafman Glance« viel jazziger als zuvor. Und Walker hat Charme und Esprit, aber er schleppt einen Haufen ungelöster Probleme mit sich rum. Mit der Gitarre in der Hand und vor seinem Publikum wächst er zum Giganten. Privat verkriecht er sich oft in seinem Chicagoer Domizil und grübelt. Als einer von wenigen Weißen lebt er auf der schwarzen Southside der immer noch stark segregierten Windy City. Im Bus erzählte ihm kürzlich ein Mitfahrer, er hätte in dieser Gegend seit den 1980er Jahren keinen Weißen mehr gesehen. In dieser Weise auf sich allein gestellt, drohen ihn extreme Gefühlswechsel innerlich zu zerreißen. Diesen Dualismus bringt er auch in seinen neuen Songs zum Ausdruck. »Deafman Glance« ist aber nicht nur eine Darstellung von Walkers Innenwelten, sondern auch ein Porträt seiner Heimatstadt. Einen Hauch davon nimmt er mit ins Milla, eine Ahnung des rauen Lebens im netten. ||

RYLEY WALKER
Milla | 24. Juli| 20.30 Uhr | Tickets: 01806 570070