Kabarettist Christian Springer nimmt unseren Umgang mit Fremden sehr ernsthaft ins Visier.

Christian Springer arbeitet sich durch moralische Leitwerte | © Gregor Wiebe

Eigentlich nervt ihn das Kabarett mittlerweile, gerade jetzt im Wahlkampf: »Dieses Gelaber.« Mal einfach nix sagen, das wär schön. Aber Christian Springer ist Kabarettist von Beruf, und deswegen erwarten die Zuschauer ein Programm. Christian Springer hat allerdings einen Zweitberuf – genauer: eine Zweitberufung. Der studierte Orientalist hat 2011 die Hilfsorganisation Orienthelfer gegründet, mit der er persönlich regelmäßig Hilfsgüter nach Syrien bringt und nicht nur dort Initiativen unterstützt. Er ist also einer, der wirklich was tut – anders als diejenigen, die er mit seinem neuen Solo »Alle machen, keiner tut was« meint. Da darf man sich ruhig auch selbst gemeint fühlen.

Das Pendeln zwischen den Welten weitet den Blick und fordert zu Vergleichen heraus. Wie alle ernsthaften Satiriker ist Springer ein Moralist und Weltverbesserer (im positivsten Wortsinn). Diese Grundhaltung prägt seine Beurteilung unserer Gesellschaft, die er dann doch in einem fulminanten Zwei-Stunden-Abend fast ohne Atemholen ausbreitet. Ganz ohne Gelaber, dafür untermauert mit vielen Fakten und Zahlen. Asylanten haben gefälligst die deutschen Grundwerte zu akzeptieren: zuallererst Pünktlichkeit und Durchhaltewillen, beides entscheidend im Bamf-Dschungel. Extremen Durchhaltewillen beweist die Angeklagte Zschäpe im NSU-Prozess – macht sie das zu einem guten Menschen? Durchhaltewillen beweist zwar auch ein Nigerianer auf seiner 4000 km langen Flucht, aber er ist halt unpünktlich, das schürt Angst. In Deutschland beginnt sogar ein Krieg pünktlich um 5.45 Uhr. Wann exakt die Schlacht von Waterloo begann, weiß keiner. Historische Schlamperei.

Springer arbeitet sich durch die moralischen Leitwerte, obwohl doch am wichtigsten die Cholesterin- und Blutdruckwerte sind. Und natürlich die Abgaswerte. Demut? Gesundheitsminister Jens Spahn findet ja, mit Hartz IV sei keiner arm, aber was soll er einer Hartz-IV-Empfängerin zur Kaffee-Einladung mitbringen? Einen Hund zum Betteln-Gehen? Das wäre ein erster Schritt in die Selbstständigkeit. Tradition und Brauchtum: Das Dirndl, einst Mägdekleidung, haben erst die Nazis zur erneuerten Tracht (die es nie war) erklärt. Erklärt das den aktuellen Hype? Das »Mia san mia«? In den Genen der Bayern mischt sich seit Jahrhunderten halb Mittel- und Osteuropa – Slawen, Römer, sogar Syrer. Also: »Seien Sie nett zu den Fremden, es kommt Verwandtschaft.« So zerpflückt Springer nationale Mythen bis zu ihrem irrationalen Kern.

Sein bitterernstes Fazit: Ignoranz steht hoch im Kurs, Kreativität und Fantasie interessieren niemanden, doch wir brauchen mehr Bildung und ganz neue Ideen. Und Mut: Wie die Mimose im Topf, die nach 30-mal Fallen-Lassen und Aufgefangen-Werden beim 31. Mal vertrauensvoll nicht mehr einklappt. Springer macht die Kabarettbühne zur moralischen Anstalt. Sein eindringlicher Appell: Nicht einklappen, Mut haben, nicht nur machen, sondern wirklich was tun! ||

ALLE MACHEN, KEINER TUT WAS
Stadthalle Germering| 19. Juli| 20 Uhr
Kubiz Unterhaching| 21. Juli | 20 Uhr
Wirtshaus im Schlachthof| 26. Juli| 20 Uhr
Lach- und Schießgesellschaft| 17., 18. Sept.| 20 Uhr
Kulturzentrum Trudering| 19. Sept.| 20 Uhr
Bürgersaal Unterföhring| 20. Sept.| 20 Uhr
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