»Das blaue blaue Meer« im Volkstheater: ein düsteres Sozialdrama.

Darko (Jonathan Müller) und Motte (Lavinia Nowak) lieben hinter
Plastikplanen | © Gabriela Neeb

2009 gewann Nis-Momme Stockmann mit seinem Bühnen-Erstling »Der Mann der die Welt aß« den Heidelberger Stückemarkt und avancierte zum Shootingstarderdeutschen Theaterautoren. Seine Stücke fokussieren gesellschaftliche Missstände, Beziehungsunfähigkeit, Sinnleere. Besonders düster ist »Das blaue blaue Meer«, 2010 in Frankfurt uraufgeführt. Es bündelt wie unter dem Brennglas alle schlagzeilenträchtigen Entsetzlichkeiten in einer (a)sozialen Wohnungsbau-Siedlung: Arbeitslosigkeit, Dauersuff, Verwahrlosung, Kindesmissbrauch, Gewalt, Morde und Selbstmorde. Hoffnung hat in solcher Ghetto-Normalität keinen Platz. Im Volkstheater inszenierte Philip Klose zum Abschluss seiner dreijährigen Regieassistenz das geballte Elend betont abstrahiert und distanziert.

Für Darko ist die Siedlung »ein gigantischer Sarg aus Stahlbeton«, ein »Biotop der Perversionen«. Er ist genauso kaputt wie alle Bewohner, ständig zugedröhnt mit Alkohol. Nichtmal zum Erhängen an der Wäscheleine reicht seine Kraft. Doch da ist plötzlich Motte, die 19-jährige Viertel-Nutte, und mit ihr ein Hoffnungsschimmer. Motte träumt von Norwegen, dort ist das Meer blauer als in der Karibik. Und Darko möchte gern die Sterne sehen, dafür ist es hier immer zu hell. Aber schon ein Zoobesuch scheitert. »Die werden uns nie irgendwo reinlassen«, sagt Darko. Aus dem als Sammelort»der Verlorenen« gebauten Asozialenlager gibt’s kein Entkommen. Kapitalistische Motivationsparolen wie »Jeder kann alles erreichen« sind blanker Zynismus.

Autor Stockmann lässt meist Darko erzählen, Regisseur Klose verteilt den Text auf seine drei Schauspieler – jeder ist mal Darko. Jonathan Müller stemmt den größten Teil, Mauricio Hölzemann muss in Nebenfiguren übereifrig rumhampeln. Lavinia Nowak verbindet als Motte trotzige Glückssehnsucht und die Zerbrechlichkeit einer versehrten Seele, ihr und Müller gelingen zarte Momente einer vorsichtig-spröden Liebe. Doch die Raumgestaltung gibt ihnen kaum Gelegenheit dazu. Elisabeth Pletzer (Bühne und Kostüme) pfercht die Spielfläche in der Kleinen Bühne mit milchig-transparenten, gewellten Plastikplatten ein, darin hängen Kleider in Schutzhüllen wie in einer Reinigung. Die Darsteller in ausgesucht scheußlicher Nude-Unterwäsche sieht man nur verschwommen in diesem Kasten. Immer wieder verschieben sie ruckelnd die Hängewände, nach außen, nach innen, einen Ausweg finden sie nicht. Auchhängen sie ohne ersichtlichen Grund dauernd die Kleiderbügel um, das Hemd eines Mädchens wird nach dessen Selbstmord samt Perückenskalp geräuschvoll vakuumiert. Der sinnfreie Aktionismus bringt das Tempo zum Stocken und die Darsteller um die Chance, Situationen, Figuren oder Spielfluss zu entwickeln. Die Inszenierung scheitert am unglücklichen Bühnenkonzept. Und berührt einen als Zuschauer wenig. Am Ende muss Darko noch eine an Stockmanns Text angepappte aktuelle Wutrede halten – eine zornige Anklage gegen Politik und Turbokapitalismus. Man hatte das vorherschon verstanden. ||

DAS BLAUE BLAUE MEER
Volkstheater| 16. Juli| 20 Uhr
Tickets: 089 5234655