Die Filmemacherin Margarethe von Trotta beleuchtet in »Auf der Suche nach Ingmar Bergman« eine wenig bekannte Episode des schwedischen Meisterregisseurs – sein Münchener Exil.

Margarethe von Trotta folgt in ihrem Dokumentarfilmdebüt »Auf der Suche nach Ingmar Bergman« den Spuren des berühmten schwedischenRegisseurs | © Börres Weiffenbach

Frau von Trotta, mit 76 Jahren haben Sie Ihren ersten Dokumentarfilm gedreht: »Auf der Suche nach Ingmar Bergman«, der zum aktuellen Bergman-Jahr in Cannes uraufgeführt wurde. Welche Erfahrungen haben Sie als Debütantin in dieser Filmgattung gesammelt? Und möchten Sie jetzt weitere Dokumentarfilme drehen?
Nun ja, das ist mein erster Dokumentarfilm und er wird sicherlich auch mein einziger bleiben! Mir ist dabei natürlich sehr geholfen worden von meinem Sohn …

…Felix Moeller, der ja selbst ein erfahrener Dokumentarfilmer ist …
Ganz genau. Und auf der anderen Seite natürlich auch sehr viel von Bettina Böhler, die den Film geschnitten hat und über Erfahrung im Dokumentarfilm verfügt. Ich wurde also auf dieser Reise von Anfang an gut begleitet.

Trotzdem wollten Sie diesen Dokumentarfilm zum Bergman-Jubiläum ursprünglich gar nicht machen, obwohl Sie vom Schwedischen Filminstitut, das den Bergmanschen Nachlass verwaltet, explizit angefragt wurden.
Ja, ich hatte ehrlich gesagt lange gezögert, weil ich einfach viel zu große Angst vor dem ganzen Projekt hatte. Ich meine: Hier geht es schließlich um Ingmar Bergman! Den größten aller Meister. Und dazu war er ein Mensch, den ich persönlich sehr verehrt habe. Da hat man natürlich von vornherein große Zweifel, ob man ihm überhaupt gerecht werden kann.

Sie beginnen Ihre vielschichtige Spurensuche auch mit zentralen Ausschnitten aus Bergmans Meisterwerk »Das siebente Siegel«, den Sie als junge Frau im Paris der späten 1950er Jahre im Kino gesehen hatten. Und daraufhin hat es bei Ihnen innerlich peng gemacht: Ich möchte ebenfalls Regie führen!
Das war der Auslöser, absolut: Ich hatte schon früh gespürt, dass Ingmar Bergman mein persönlicher Meister ist.

Was mir sehr gut an Ihrer Stationenreise in den Bergman-Kosmos gefällt, ist die Tatsache, dass Sie sich erstmals auch mit seiner neunjährigen Exilzeit in München näher beschäftigen. Zur selben Zeit wohnten Sie mit Ihrem damaligen Mann Volker Schlöndorffim Lehel, und durch Ihre beiderseitige Zusammenarbeit mit Bergmans Stammkameramann Sven Nykvist konnten Sie früher als andere etwas von Bergmans damaligem
Seelenzustand erfahren.

Dazu hatte mir auch das Schwedische Filminstitut geraten und deshalb wollte ich mich in meinem Film von vornherein auf diese Zeit konzentrieren. Das ist eben ein Aspekt in Bergmans Leben, den man in der Welt noch nicht so kennt: Das hat mich gereizt.

In seinen Lebenserinnerungen »Laterna Magica« hatte er die Steueraffäre in seiner schwedischen Heimat und das beginnende Exil in München als »Lebenskatastrophe« bezeichnet. Zudem galt der stets kränkelnde Bergman in dieser Zeit als akut selbstmordgefährdet: Kurz davor war er sogar in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden. Wie haben Sie ihn damals erlebt?
Es ging ihm sicherlich nicht gut, was man auch verstehen muss, weil er Sozialdemokrat war und in seiner Heimat beispielsweise von Olof Palme, mit dem er vorher gut befreundet war, so heftig angegangen wurde: Das hat ihn sehr verletzt. Und natürlich war Ingmar Bergman in diesem Bereich überhaupt sehr empfindlich: Er hatte ja an die Sozialdemokratie geglaubt, obwohl er jetzt keine politischen Filme wie andere in dieser Zeit gemacht hatte. Es kamen damals einfach sehr viele Demütigungen auf ihn zu. Dazu muss man wissen, dass Ingmar Bergman eh schon ein Leben lang von Albträumen geplagt wurde: Das zusammen hat ihn schon sehr fertiggemacht.

Geradezu schizophren erscheint es, dass er in »Laterna Magica« seinen Neuanfang am Münchner Residenztheater und das kulturelle Klima der bayerischen Landeshauptstadt zu Beginn in den höchsten Tönen lobt, obwohl erdort zum Teil gnadenlos ausgebuht wurde: »Außerdem mag ich München sehr, ich magdie Musik, ich mag diese Stadt. Es ist schön hier zu wohnen, zu leben. Das Leben ist in dieser Stadt unerhört stimulierend, und wenn Ihrem Film, die ihn als »phobisch und grüblerisch« charakterisiert.
Er mochte München sicherlich als Stadt und hatte auch am Residenztheater wie schon vorher am Dramaten in Stockholm schnell wieder eine feste Gruppe von Schauspielern und Mitarbeitern um sich herum aufgebaut, aber alt geworden wäre er hier sicherlich nicht. Viele Kritiken waren ja verheerend.

Und als öffentlichen Spaziergänger konnte man sich den menschenscheuen Bergman nun wirklich nicht vorstellen.
Genau, er lebte ja hier auch im selben Wohnhaus wie Rita Russek recht zurückgezogen. Ich glaube, dass er sich eigentlich nur auf Fårö wirklich wohlgefühlt hat. Auch von München aus war er immer wieder dort und dahin ist er schließlich zurückgekehrt. Diese Insel kann man eigentlich schon nicht mehr zu Schweden rechnen: Sie liegt so weit ab …

…und Bergmans Wohnhaus war sicherlich nicht ganz zufällig von militärischem Sperrgebiet und einer bizarren Felsenlandschaft umgeben …
Richtig: Gerade dieses einsame Leben als Eremit hat ihm extrem gut gefallen. So konnte er auch nur die Menschen an sich heranlassen, mit denen er wirklich arbeiten wollte. Er war generell eben ziemlich menschenscheu, mied jede Großveranstaltung und war deswegen auch nicht auf den großen Festivals in Venedig oder Cannes, die ihn mehrmals vergeblich als Präsidenten angefragt hatten. Sobald er mit vielen Menschen um sich herum zu tun hatte, bekam er sofort Angst. Das hatte ich auch selbst erlebt, als ich einmal mit ihm und Theo Angelopoulos in einer Jury saß: Nachdem wir die Filme zusammen gesichtet hatten, gab er an, krank zu sein, und erschien dann natürlich nicht zur Preisverleihung: Das war eben typisch für ihn.||

AUF DER SUCHE NACH INGMAR BERGMAN
Dokumentarfilm | Deutschland, Frankreich 2018
Regie: Margarethe von Trotta | 99 Minuten
Kinostart: 12. Juli
Trailer