Münchens kleinstes Opernhaus nimmt »Luisa Miller« ins Programm. Das ist ein Wagnis.

Luisa Miller inmitten der Intrige| © Stefan Weber Photo Art

»Polizeilich verboten werden können« – das sollte nach Meinung von Richard Strauss »die Verballhornung Schiller’scher Dramen durch den jungen Verdi«. Zu sehr widersprach seinem Theaterverständnis die Anpassung hehrer deutscher Klassiker an die schnöden Konventionen der italienischen Oper. Auch »Luisa Miller«, Verdis Version von »Kabale und Liebe«, ist da keine Ausnahme. Aus Schillers bürgerlichem Trauerspiel wird ein Familienmelodram rund um die stereotype Dreieckskonstellation von Tenor, Sopran und Bariton, dazu ein zweiter Bariton, ein Bass und ein Mezzosopran. Schon dieses Besetzungsmuster macht deutlich, worum es dem Komponisten und seinem Librettisten Salvatore Cammarano ging: nicht um gesellschaftskritischen Sturm und Drang, sondern um große Gesangsszenen. Dabei konzentrieren sie sich auf die innerfamiliären Konflikte, den zwischen Graf Walter und seinem Sohn Rodolfo (Schillers Ferdinand) und den zwischen Vater Miller, einem einfachen Soldaten, und seiner Tochter Luisa.

Sie liebt Rodolfo, Rodolfo liebt sie, doch der Standesunterschied lässt dies nicht zu. Die Väter haben andere Pläne. Rodolfo ist Herzogin Federica versprochen, Luise Walters Sekretär Wurm. Anders als bei Schiller ist er aber ein eher schlichter Intrigant und entsprechend ein Bass. Nicht einmal eine Arie gönnt ihm Verdi. Ansonsten ist »Luisa Miller« aber ein Sängerfest. Und als solches erfreut es sich – Richard Strauss zum Trotz – in letzter Zeit wieder größerer Beliebtheit. So stand die Oper erst vor zwei Monaten auf dem Spielplan der Met und wurde zum Triumph für die Starbesetzung Piotr Beczała, Sonya Yoncheva und Placido Domingo.

Warum soll, was in New Yorks größtem Opernhaus geglückt ist, nicht auch in Münchens kleinstem Opernhaus funktionieren? Das dachte wohl auch die wagemutige Pasinger Fabrik, die mit solchen Repertoire-Experimenten bisher meist gut gefahren ist. Bei »Luisa Miller« ist sie es nicht. Verdis große Oper in die kleine Wagenhalle zu verlegen, stellte die wie immer jungen und motivierten Sänger vor das unlösbare Problem, sich beherzt in ihre Rollen zu werfen und sich zugleich zurückzunehmen. Der von Verdi verlangte große Stimmgestus führt angesichts der eher intimen Raumsituation dazu, dass besonders zu Beginn durchweg zu laut und undifferenziert gesungen wird. Das lag auch daran, dass Regisseur Marcus Everding auf eine exakte, etwas starre Bewegungs- und Gestenchoreografie setzt. Dafür hat er sich von Claudia Weinhart zwei Zimmer bauen lassen, die Luisas schlichte bürgerliche und Walters adelige Welt gegenüberstellt. Verbunden werden sie nur durch einen schmalen Steg. Das sind klare Zeichen für die sozialen Gegensätze, aber auch für die Distanz zu den Figuren.

Verstärkt wird diese patriarchalische Welt dadurch, dass sie tatsächlich im historischen Biedermeier angesiedelt ist. Da tragen die Frauen prächtige, aber nicht immer vorteilhafte Kleider, die Herren Uniformen und Koteletten. Ein Panoptikum von in Konventionen gefangenen Figuren. Erst im Angesicht des Todes zeigen sie endlich echte Gefühle. Luisa und Rodolfo finden sich im Schlussduett, und besonders Tenor Andreas Stauber blüht förmlich auf. Was vergiftete Limonade so alles bewirken kann. Am besten funktioniert hat die Pasinger Adaption von »Luisa Miller« ohnehin musikalisch. Carlos Domínguez-Nieto hat die Sänger stets sensibel und temperamentvoll begleitet und selbst das Orchester klingt auch in Andreas Pascal Heinzmanns Bearbeitung für zehn Instrumente immer nach echtem Verdi. Was wohl Richard Strauss gesagt hätte? ||

LUISA MILLER
Pasinger Fabrik| August-Exter-Str. 1 | 7., 8., 12.–14., 19.–22. Juli, 3.–5., 8.–12., 15.–19. Aug.| 19.30 Uhr
Open Air auf Schloss Blutenburg | 26.–31. Juli| 20 Uhr
Tickets: 089 8292 89079