Frank Wedekind Quelle: Monacensia Literaturarchiv

Vor 100 Jahren starb Frank Wedekind. In seinem Nekrolog beschreibt der noch unbekannte Brecht den Autor mit folgenden Worten: Ein Mann »in eigentümlicher Haltung, den scharf geschnittenen ehernen Schädel geduckt vorstreckend, ein wenig schwerfällig und beklemmend« und weiter: »Er schien nicht sterblich.«

Fassungslosigkeit angesichts des plötzlichen Todes des 53-Jährigen, Folge einer missglückten Blinddarmoperation, war das vorherrschende Gefühl auch bei der Beerdigung. Auf dem Münchner Waldfriedhof hatte sich ein illustrer Kreis – unter ihnen beinahe die gesamte literarische Avantgarde von Falckenberg bis Mühsam zusammengefunden –, um dem viel gefeierten Literaten die letzte Ehre zu erweisen. Während Herren in Gehrock und Zylinder die Grabszene beherrschten, begingen in den hinteren Rängen Prostituierte und andere Zaungäste aus dem Rotlichtmilieu das Totenamt. Kein Wunder! Nicht zuletzt Sex und Eros hatten das Werk Wedekinds geprägt, dieses Tausendsassas, der von Anfang an eine Ausnahmeerscheinung gewesen war, und ihn selbst spätestens seit der Aufführung der »Lulu« 1898 zur Skandalfigur gemacht. »Geheul und Gejohl« ertönten bei der Premiere des in den Augen der Zeit geradezu hyper frivolen Gesellschaftsstücks »Der Erdgeist. Eine Tragödie«. Mit der »Lulu« nämlich stand eine Frauenfigur auf der Bühne, die in ihrer lasziven Kindlichkeit einen Mann nach dem anderen in den Abgrund komplimentierte und gewissermaßen im selben Aufwasch die althergebrachten Geschlechterverhältnisse von den Brettern fegte – zwar keine geißelschwingende Proletarierin, wie es sich wohl so manch einer im Publikum gewünscht hätte, aber eine Protagonistin, in welcher sich die Moderne selbst zu manifestieren schien. An dieser Figur, im Prolog des Tierdompteurs als »das wahre Tier, das wilde, schöne Tier« bezeichnet, zerplatzte der Aberwitz der bereits brüchig gewordenen wilhelminischen Doktrin. Gehüllt in burleske Rüschenstaffage schrie dem Publikum das pure Leben, der vitale Kult der Jahrhundertwende entgegen, der existenzbejahende Geist eines Wedekind, in dem sich auch das »Publikum von der Gasse« abgebildet fand.

Seine als sittenwidrig verpönten Werke hatten den Schriftsteller zu diesem Zeitpunkt längst zum Protagonisten eines beinahe operettenhaft anmutenden Kampfes gegen die wilhelminische Zensurbehörde gemacht. Wegen satirischer Gedichte auf den Kaiser saß der Mittdreißiger bald sechs Monate in Festungshaft und leistete in stoischer Renitenz so bereits um die Jahrhundertwende der Münchner Räterepublik geistig Vorschub. In München schrieb Wedekind »Frühlings Erwachen«, eine »Kindertragödie«, sein bekanntestes Werk. Hier übte er harsche Kritik an der menschenfeindlichen Bigotterie, schulischen Dressur und Wirklichkeitsentfremdung der Kaiserzeit. Explizit inszenierte Masturbation, Päderastie und Sadomasochismus erregten freilich wieder größtmöglichen Anstoß, jedoch bedeuteten poetisierte Gestalten wie der »vermummte Herr« – eine Allegorie auf das Leben – auch eine stilistische Revolution. Mit einer nicht zeitgemäßen Symbolik und den überzeichneten Dialogen sexuell überreifer Pennäler wurde nämlich auch die »naturalistische Bestie der Wahrscheinlichkeit erwürgt«, wie Friedrich Kayßler lobend feststellte. Der Weg in den Expressionismus war geebnet. Als der gebürtige Hannoveraner nach Aufenthalten in Zürich, Paris, London und Berlin 1908 in seine ehemalige Wirkungsstätte München zurückkehrte, zog er mit seiner Frau, der Schauspielerin Tilly Wedekind (oft in der Rolle der »Lulu«) durch Zufall wieder in dieselbe Wohnung. »Ich wohne«, äußerte er gegenüber einem Bekannten, »wieder in derselben Wohnung, in der ich ›Frühlings Erwachen‹ geschrieben habe. Der Kreis hat sich geschlossen. Ich werde noch in diesem Jahr sterben.«

Tatsächlich starb er im selben Jahr. Sein Begräbnis jedoch brachte Angehörige und Verehrer nicht
nur der halbseidenen Trauergäste wegen in Aufruhr. Der psychische Zusammenbruch Heinrich Lautensacks, eines nahen Kollegen, der die Beerdigung schreiend mit seinem Filmteam begleitete und überwältigt von Trauer beinahe in die Grube hinab gestürzt wäre, machte den Skandal komplett und das Ereignis schlechterdings noch zu einer typisch wedekindschen Groteske. Die große Fassungslosigkeit aber, die, folgt man den Augenzeugenberichten, am Grab herrschte, war dem Ableben einer für unsterblich geglaubten Naturgewalt geschuldet, eines Mannes, der mit seiner Präsenz jeden Winkel ausgefüllt hatte. Der junge Brecht schrieb: »Sie standen ratlos in Zylinderhüten. Sie konnten diesen Gaukler nicht begraben!« So treffen die Worte Alwas aus dem »Erdgeist«, die sich auf die »Lulu« bezogen, auch auf deren Schöpfer zu, der noch immer zu den meistaufgeführten Autoren zählt: »Eine Seele, die sich im Jenseits den Schlaf aus den Augen reibt.«Im Münchner Literaturarchiv Monacensia ist Frank Wedekind mit über 1900 Briefen, an die drei hundert Manuskripten und Fotos sowie biografischen Dokumenten lebendig. ||