Kaouther Adimi auf Entdeckungsreise in Algier.

»Was mich an Charlot interessiert, ist die Tatsache, dass er gescheitert ist«, erklärt Kaouther Adimi. »Ich finde das spannender, als von jemandem zu erzählen, dem alles sofort gelingt.« Edmond Charlot, dessen Geschichte die 32-jährige, in Algier geborene Autorin in ihrem dritten, im Herbst in Paris gefeierten Roman »Nos richesses« (deutsch: »Was uns kostbar ist«) erzählt, ist eine – reale – Figur, deren Faszination der Leser sich nicht entziehen kann. Überzeugt, dass ein Mensch, der liest, doppelt wertvoll ist, gründet er, gerade einmal zwanzig Jahre alt, 1936 mit Gleichgesinnten in Algier die Buchhandlung »Les Vraies Richesses« (»Die wahren Schätze«). Der Name ist von einem Band des Schriftstellers Jean Giono inspiriert und der Ort bald unverzichtbarer Treffpunkt, Mittelpunkt des literarischen Lebens über die Grenzen der Stadt hinaus, Buchhandlung, Antiquariat, Verlag, Leihbücherei, Galerie. Albert Camus und André Gide verkehren hier, und Edmond Charlot veröffentlicht den ersten Text von Camus, den Essayband »Licht und Schatten«, Werke von Gide, Philippe Soupault und vielen anderen, auch internationalen Autoren wie Gertrude Stein oder Virginia Woolf. Freundschaft ist die Basis, das Motto in etwa: Von der Jugend, für die Jugend. Weltoffenheit ist Trumpf. Euphorie und Mut kennzeichnen das Unternehmen, auch wenn am Schluss die Pleite und das Nichts stehen. Krieg, Papiermangel, Anschläge auf die Buchhandlung, die Vernichtung des Archivs, der Terror der OAS, das Scheitern des Verlags in Paris, das Abwandern der Autoren zu Großverlagen wie Gallimard.

Eine traurige Geschichte? Nicht so, wie sie Kaouther Adimi erzählt, die eines Tages zufällig bei einem Spaziergang in Algier die einstige Buchhandlung, heute Annex der Algerischen Nationalbibliothek, in der Rue Hamani entdeckte. Ein Jahr recherchierte sie, traf die Witwe, Freunde von Edmond Charlot, der 2004 starb, sichtete seine Korrespondenz und Archivmaterial –und schrieb eine fiktive Geschichte auf der Basis der Quellen, so wahrhaftig wie möglich. Im Zentrum steht das fiktive Tagebuch von Edmond Charlot, Alltagsprotokolle in einfacher Sprache, die den Leser daran erinnern, dass ein Leben ohne Literatur unmöglich ist. Aber Kaouther Adimi befreit sich auch immer wieder von Buchhandlung und Verlag, dem literarischen Pflaster und dem Tagebuchprotokoll und schildert das Leben im Viertel, in der Stadt, lässt Algier im Wandel der Jahrzehnte lebendig werden.

Und so ist dieser Roman nicht nur eine Hommage an Edmond Charlot und die Literatur, sondern auch an Algier, die Geburtsstadt der Autorin, wo sie lebte, bis sie 2009 nach Paris übersiedelte. Und es gibt noch eine weitere, eine dritte Ebene in dem Roman: die Konfrontation verschiedener Generationen, von Alter und Jugend, die hier zugleich auch für den Gegensatz von Bewahren und Aufgeben steht. Abdallah begegnet Ryad, beide sind frei erfunden. Abdallah heißt es, hat in »Les Vraies Richesses« seit Ewigkeiten gearbeitet, ein Leben für die Literatur, Ryad hat mit Lesen und Literatur nichts zu tun, sein Job ist es, die Buchhandlung aufzulösen, der neue Besitzer möchte hier Beignets, Krapfen, verkaufen. Das ist lukrativer. Aber Kaouther Adimi lässt den Leser nicht in seiner Tristesse zurück. Am Schluss des Buchs verweist sie auf den fiktiven Charakter der Schließung und lädt den Leser ein, eines Tages die 2 bis Rue Hamani zu besuchen. Autobiografische Spuren gebe es keine in ihren Büchern, meint Kaouther Adimi, Spuren ihrer Empfindungen schon. Und die entdeckt man mit Vergnügen in jeder Zeile dieses wunderbaren Romans. ||

KAOUTHER ADIMI: WAS UNS KOSTBAR IST
Aus dem Französischen von Hilde Fieguth
Lenos, 2018 | 220 Seiten | 19,90 Euro