Helmut Schleich bleibt im neuen Solo ganz bei sich. »Kauf, Du Sau!«, ruft er dem Verbraucher zu.

Der Kabarettist blickt sich um in der Politik und Konsumgesellschaft | © Katharina Ziedek

Helmut Schleich ist derzeit wohl der bekannteste und erfolgreichste bayerische Kabarettist, quasi omnipräsent im Fernsehen, Radio und auf der Bühne. Er ist ein großartiger Typendarsteller, in vielerlei Masken schlüpft er in Figuren des öffentlichen Lebens, sein Markenzeichen wurde der Übervater Strauß. Den großen Vorsitzenden FJS hat er so verinnerlicht, dass er ihn perfekt imitiert und in dessen Geiste und Gestus die Weltläufte in Bayern kommentiert. Aber in seinem neuen Solo »Kauf, Du Sau!« soll das Publikum gefälligst nicht auf den Strauß warten, warnt Schleich. Sondern das Hirn einschalten und mitdenken. Denn diesmal lässt er das Typenkabarett beiseite und arbeitet sich – ganz als Helmut Schleich – an der Politik ab, vor allem am neuen Ministerpräsidenten Söder. Der Strauß kommt dann doch noch, aber erst am Ende.

Der kategorische Imperativ des Titels erweist sich weniger harsch, als er klingt. Die Kritik an der Konsumgesellschaft nimmt Konsumenten aufs Korn, die auf hohem Wohlstandsniveau jammern, aber mit dem SUV zum Dallmayr fahren für »kandierte Langustenhoden« und sich beschweren, dass sie keinen Parkplatz finden. Die sich von der Autoindustrie klaglos übertölpeln lassen mit angeblich sauberen Dieseln, die ihre Besitzer teuer zu stehen kommen. Nach dem Motto: »Fahr einen, zahl drei.«

Zu Söders Kreuzzug assoziiert Schleich ganz en passant Trumps Waffenpolitik: Wäre Jesus bewaffnet gewesen, wären die letzten 2000 Jahre anders gelaufen. Dafür haben aber Kopftuch und Schleier ihre Vorteile – letzterer ersetzt eine Schönheits-OP. So sinniert der Fernfahrer Rudi, dem drei Promille zum Verhängnis wurden, und der jetzt durchrechnet, dass er mit dem Kindergeld aus einer Vielehe besser führe als mit Lohn oder Stütze. Da werden Klischees und Vorurteile aufgespießt. Schleich hinterfragt den sprachlichen Genderisierungswahn, der jedes »er« durch »sie« ersetzt: Da braten sich Vatsie und Muttsie zwei Eisie. Das haben als »Feminispräch« allerdings schon vor fast 20 Jahren die Missfits erfunden. Auch der Dialekt will gepflegt werden: Statt »Mia san mia« müsste man korrekt »Mir san mir« schreiben. Wobei »Mir« im Russischen Frieden heißt. Das wäre mal eine schöne Variante. Den Kabarettisten ärgert auch die »simulierte Freundlichkeit« in der Sprache der Dienstleister: »Sehr sehr gerne.« Gegen solche »kostenlosen Gemütlichkeitsdienste« ist nur die Bedienung Berta aus dem Weißen Bräuhaus gefeit. Als ein Gast allzu großzügig von 18,80 auf 19 Euro aufrundet, bescheidet sie ihn stolz: »Buale, bhalt Dei Geld, i hab Di scho beim Zsammrechnen bschissn.«

Gutmenschen und Veganer kriegen ihr Fett weg, doch vor allem durchpflügt Schleich die Politik: Dorothee Bär, zuständig für Digitalisierung, ersetzt in Seehofers Berliner Innenministerium nun »Altersstarrsinn durch Welpendummheit«. Hingegen darf Söder mit dem Bekenntnis glänzen: »Bayern ist ein Land mit einer wundervollen Heimat.« Wo bitte ist Bayerns Heimat? Womöglich dahoam? Schleich zweifelt, ob Söder, dieser »mittelfränkische Trump-Verschnitt«, die Zukunft von Legoland unterscheiden kann. Und überlässt das Urteil am Ende FJS mit einem Horaz-Zitat: »Kraft ohne Weisheit stürzt durch eigene Wucht.« Nie war Schleich so explizit politisch. Und obwohl sich bei diesem Rundum-Bashing jeder mal gemeint fühlen kann, spitzt sein scharfer, analytischer Blick, gestützt durch solide Recherche, die Lage der Nation so zu, dass Lachen erlaubt ist. Auch wenn’s manchmal bitter im Hals stecken bleiben will. ||

KAUF, DU SAU!
Stadthalle Germering Orlandosaal | 29. Juni | 19.30 Uhr
Tickets: 089 894180

Lustspielhaus | 31. Juli, 1., 2. Aug.| 20 Uhr | Tickets: 089 344979