Das Tollwood Festival wird 30. Zeit für einen kleinen Rückblick.

Flaniermeile und Vergnügungsbiotop seit drei Jahrzehnten: das Tollwood im Olympiapark | © Bernd Wackenbauer

»Otto, wir machen ein Festival«, hatte Rita Rottenwallner von der Münchner Kleinkunstbühne Musikalisches Unterholz (MUH) ihrem Weinhändler Otto Göttler begeistert verraten. Die Idee kam vom künstlerischen Leiter der Kleinkunstbühne, Uwe Kleinschmidt. »Der hatte immer so wahnsinnige Ideen«, erinnert sich Göttler, den Kleinschmidts Enthusiasmus dann allerdings genauso überzeugte wie die anderen Mitwirkenden, die vor nunmehr dreißig Jahren erst mal eine meterhoch zugewachsene Wiese auf dem mit der Stadt verabredeten Festivalgelände vorfanden. »Voll ökobewusst mähten wir diese Wiese also mit einer Sense. Mit einer einzigen, wohlgemerkt, die dann erst mal im Dauereinsatz war«, sagt Göttler, der sich des Zeitdrucks wegen sogar eine eigene, zweite Sense kaufen wollte. Weil er im Geschäft aber keine fand, saß er kurze Zeit später wieder auf dem Tollwood-Gelände, wo er nun mit einer Tapezierschere zehn Quadratmeter Wiese für seinen Weinstand ausschnitt.

Dort, wo heute noch alljährlich das Andechser Zelt thront, stand dann das einzige Gastro- und Veranstaltungszelt. Zusätzlich hatte Uwe Kleinschmidt einen landwirtschaftlichen Ladewagen zur Außenbühne umgebaut, auf der Konstantin Wecker im ersten Jahr ein kleines Open-Air-Konzert spielte. Mit einer schön gestalteten Rückwand, die dann aber während des Auftritts umkippte. Zum Glück nicht in Richtung Künstler, sondern nach hinten weg. Mit den heutigen Standards hatte das alles reichlich wenig zu tun. Nicht einmal die eigens bestellte Telefonverbindung stand zum Festivalbeginn. Was für Konzertgänger irritierend sein mochte, weil sie unter der auf Veranstaltungsplakaten beworbenen Rufnummer keinen Anschluss bekamen und also auch keine Eintrittskarten reservieren konnten. Für die Feuerwehr auf dem Platz war das jedoch eine Katastrophe: »Und was ist, wenn es brennt?«, kommentierte sie das Fehlen einer funktionierenden Telefonleitung auf einem Festival im Zeitalter vor dem heute omnipräsenten Mobilfunk.

Zugleich stießen die Behörden sich der Hygiene wegen am damals ungewöhnlichen Vorhaben der Festivalbetreiber, Mehrweggeschirr statt des üblichen Einweggeschirrs zu nutzen. »Rita hat das aber trotzdem durchgesetzt damals. Danach kam das Oktoberfest, das auch umweltbewusst Mehrweggeschirr einsetzte, aber die Vorreiter waren wir«, sagt Christiane Stenzel, die seit zehn Jahren Pressesprecherin des Tollwood ist. Schon während ihres Studiums habe sie das Festival kennengelernt. Vor allem dessen Art, für ein umweltbewussteres Leben zu werben, gefiel ihr. Darum freut es sie umso mehr, dass in den letzten zehn Jahren vor allem der Umweltbereich noch einmal verstärkt wurde. Wobei die gemeinsam mit dem Referat für Gesundheit und Umwelt ins Leben gerufene Aktion »Bio für Kinder« sogar außerhalb des Festivals stattfindet. Oder jene Demonstration, als das Tollwood einen Lkw voller von Besuchern unterzeichneten kleinen »Atomdöschen« gegen den damaligen Ausstieg aus dem Atomausstieg nach Berlin fuhr, um die vielen kleinen Dosen vor dem Bundeskanzleramt als kleines »Endlager« aufzubauen.

Zudem haben sich aber auch die kulturellen Angebote auf dem Festival verändert, das von Kunst über Theater bis hin zur Musik so ziemlich alle kreativen Ausdrucksformen anbietet, sagt Christiane Stenzel: »Am Anfang gab es ja nur die Rita und ein paar ambitionierte Leute, die das komplette Festival selbst gemacht haben. Sie hat Pressearbeit gemacht, hat das Telefon bedient und die Tickets verkauft. Und alles in einem Büro. Jeder hat da alles gemacht. Natürlich ist man da auf der regionalen Ebene geblieben. Und mit den Künstlern, die beim ersten Mal mitgemacht haben, ist man dann ja auch all die Jahre verbunden geblieben. Aber natürlich sind wir auch gewachsen, und dann entsteht der Anspruch, aus München rauszugehen und mal über den eigenen Tellerrand zu gucken. Was gibt es noch für Musik? Und wie kann man vielleicht noch neue Zielgruppen erreichen?« In Folge gelang den Veranstaltern ein Programm, das James Brown ebenso berücksichtigte wie die Beach Boys oder Patti Smith. Das Sonic Youth, Joan Baez oder Tom Jones präsentierte, Fanta Vier, Zucchero oder B. B. King. Und das für Bob Dylan sogar einmal einen Tag vor Festivalbeginn das Veranstaltungszelt öffnete.

Solche Erweiterung des Programms ist freilich nicht ohne Sponsoren zu stemmen, trotzdem irritierte es einige Tollwood-Besucher, als darum das große Konzertzelt eine Zeit lang nach einem großen Schallplattengeschäft benannt war. Da war schnell mal die Rede vom Ausverkauf. Dass die meisten Veranstaltungen auf dem Gelände bei freiem Eintritt angeboten werden, vergessen solche kritischen Betrachtungen indes. Seien es die Konzerte im Andechser Zelt, dort also, wo alles anfing. Oder an der Fassbar, wo die Veranstalterin Niko Strnad vor allem Münchner Musikern ein Forum bietet. Oder Otto Göttlers Hacker-Zelt, wo wieder eine Kleinkunst blüht, wie sie einst im MUH beheimatet war. Denn Göttler ist längst kein Weinhändler mehr. Aber Musiker, der mit seinem Bairisch-Diatonischen Jodelwahnsinn des Öfteren auf dem Tollwood spielte, als Veranstalter immer noch ein treuer Mitstreiter des Tollwoods ist, so wie er einst seine ersten zehn Quadratmeter auf diesem Festival in mühseliger Kleinstarbeit mit der Schere aus der Wiese schnitt. Zum Jubiläum bedankt sich das Tollwood nun mit einem Sonderprogramm, das die »Carmina Burana« in der Inszenierung von La Fura dels Baus ebenfalls bei freiem Eintritt auf dem Olympiasee zeigt. Weiter geht es, mit München und der Welt im Zelt. ||

TOLLWOOD SOMMERFESTIVAL 2018
Olympiapark | 27. Juni bis 22. Juli| ab 11 Uhr
Tickets: 0700 3838 5024