Emanuele Coccia zeigt in »Die Wurzeln der Welt« eine Umkehrung der Verhältnisse.

Emanuele Coccia verweist in seinem Buch »Die Wurzeln der Welt« auf ein schwerwiegendes philosophisches Versäumnis. Der in Frankreich lebende italienische Autor hat entdeckt, dass die Geistesgeschichte der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre das humane animalische Leben gegenüber dem pflanzlichen Leben privilegiert. Coccia widmet sich deshalb in seiner Schrift ganz einer »Philosophie der Pflanzen« und zeigt nicht nur, wie diese als Mitgeschöpfe unser Dasein prägen, sondern schildert, wie pflanzliches Leben auf einzigartige Weise das Habitat zoologischer Lebensformen konfiguriert. Das Atmosphärische, der Ort, an dem sich der kreatürliche Atem geltend macht, versteht Coccia dabei lediglich als Verlängerung einstmalig wasserförmiger Umgebungen – die Geschichte der Flora ist somit eine (Umformungs-)Erfolgsgeschichte planetarischen Ausmaßes.

Vegetariern aus Tierschutzgründen könnte die Lektüre dieser gleichermaßen hellsichtigen wie poetisch philosophischen Abhandlung Bauchschmerzen bereiten: Der italienische Philosoph vertritt nämlich die Ansicht, dass dem Verzicht auf tierische Nahrungsmittel abermals eine unzulässige Privilegierung des tierischen gegenüber dem pflanzlichen Sein zugrunde liegt und verweist auf das grundlegende menschlichsäugetierliche Dilemma: dem energetischen Erhalt des eigenen Lebens liegt immer die Zerstörung anderen Lebens zugrunde. Es lohnt sich, den weitreichenden und mitunter recht gewagten Ausführungen (Fortpflanzungstrieb = Vernunft) Coccias bis zu den Schlusskapiteln zu folgen. In bester nietzscheanischer Manier erfolgt am Ende noch ein fulminanter Rundumschlag gegen den akademischen Betrieb und seinen Spezialistenwahn. Außerdem erfahren wir, warum Pflanzen einfach den besseren Sex haben. ||

EMANUELE COCCIA:DIE WURZELN DER WELT. EINE PHILOSOPHIE DER PFLANZEN
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke
Hanser, 2018 | 187 Seiten | 20 Euro