In China boomt das Transplantations geschäft. Als Spender künstlicher Idyllen in zubetonierten Städten werden Pflanzen eingesetzt. Oder als Schmuckpflaster für Wunden von Umweltzerstörung und Verkehrserschließung. Der eindringliche Bildband »Forest« zum globalen »Heimat«-Begriff.

Idyll in Chongqing, als Verwaltungseinheit die größte Stadt der Welt mit über 30 Millionen Einwohnern – Yan Wang Preston: »Egongyan Park«| 2017 | © Yan Wang Preston / Hatje Cantz Verlag

»Die Bäume wachsen und die Menschen wachsen, / Ich seh es durch den Wind der Worte«, schrieb einst der naturmagische Dichter Oskar Loerke. Yan Wang Preston sieht heute durch den Sucher ihrer Kamera etwas anderes. Kein romanisches Einvernehmen mit der Natur, keine Hoffnung auf die Beständigkeit des leicht Verletzlichen dieser »Laubwolke«. Auch findet Preston nicht wie Günter Eich den »Trost der Bäume« darin, wie er melancholisch feierte, »daß sie am Sterben teilhaben«. Knallhart diagnostiziert die britisch-chinesische Fotografin den menschlichen Umgang mit dem pflanzlichen Gegenüber: am Beispiel einer ins Extrem getriebenen Praxis, der Baumverpflanzung.

Einen »Migrationshintergrund«, um das üble Wort hier einmal zu zitieren und dann nie wieder zu verwenden, haben die meisten Menschen – und auch die Bäume: Sie wandern per Aussamung, durch Wind, Wasser und Vögel. Sie erklimmen Gebirge, bilden Urwälder, besiedeln andere Kontinente. Dann griff der Mensch ein und pflanzte, wo es ihm nützlich erschien. Baumschulen bestückten Gartenanlagen und Forste. Im Zuge der »Entdecker« und der von Europa ausgehenden Kolonialisierung wurden fremde Arten eingeführt, getauscht und per Import und Export des gewerblichen Samen- und Pflanzenhandels verbreitet. Der älteste Botanische Garten der Welt, 1545 in Padua gegründet, beherbergt die vom Dichter studierte Goethe-Palme, eine 1585 gepflanzte Zwergpalme. Eine der seit 1717 im Dresdener Zwinger gepflegten Pomeranzen hat überlebt und trägt noch Früchte. Freilich sind auch noch einheimische Bäume, am Originalstandort, bei uns am Leben; das Alter mancher Linden wird mit 600 bis 1000 Jahren angegeben. Es gibt Fichten in Finnland, die über 8000 Jahre auf dem Buckel haben. Weltweit verbreitet waren vor 200 Millionen Jahren die Ginkoales, davon blieb als einzig lebendes Fossil die Art des von Goethe bedichteten Ginkgo biloba. In vielen Kulturen gelten Bäume als heilig, seien es bestimmte Arten oder einzelne Exemplare. Das und vieles mehr in unserem Umgang mit den Gefährten, die wir seit dem Paradies kulturell ausbeuten, geht einem durch den Kopf, wenn man den Fotoband von Yan Wang Preston studiert.

Unglaublich, aber wirtschaftlich wahr: Ein prächtiger, 70 Tonnen schwerer Baum, der den Mittelpunkt eines kleinen chinesischen Dorfes bildet, wird an ein Hotel in der Stadt verkauft (denn das Dorf muss einem Staudammbau weichen). Für 10 000 US-Dollar. Und für weitere 15 000 Dollar umgepflanzt: als Stumpf und Stil gleichsam, ein in Plastik verpackter Torso, den Preston 2013 vor dem Rohbau fotografierte. 2017 ist das Hotel-Projekt gestorben und der Baum schon seit zwei Jahren tot. Nur ein großer Haufen rote Erde erinnert daran. Denn auch die Erde wird von anderswoher eingekauft und mit künstlichen Zutaten aufgemixt. »In ihrem Prozess der Migration teilen Menschen und Bäume dasselbe Trauma, ihr gewohntes Land und Leben, welches mit der Natur im Einklang stand, hinter sich zu lassen«, schreibt Kuratorin Zelda Cheatle im Vorwort.

In ihrem Langzeitprojekt, ausgezeichnet mit dem Syngenta Photography Award, dokumentierte Yan Wang Preston die gleichzeitige Urbanisierung und ökölogische Reparatur in Haidong sowie das florierende Transplantationsgeschäft in der Touristenstadt Dali und der daneben entwickelten Urbanisierungszone Chongquing. Wir sehen idyllische Riesenbonsais unter gigantischen Straßenbrücken aus Beton. Oder den Ginkgo: Der ist die prestigeträchtige Sorte der Wahl bei der systematischen Aufforstung in Chongquing, dafür werden sogar die heimischen Bäume entfernt. Nur verträgt der teure nördliche Baum das südliche Klima nicht, und weil er im Herbst sein Laub abwirft, wird er im Winter mit Plastikblättern geschmückt. Das gibt ein schöneres Bild. Man fühlt sich ertappt. Denkt an die Alibibäume an Straßen und in Gewerbegebieten hierzulande. Verbrechen in kleinerem Stil, aber von ähnlicher Methode. Wie etwa die Horrorbepflanzung unserer Vorstädte und Speckgürtel-Gärten mit nichtschmutzenden, immergrünen Baumarktmonstern. ||

YAN WANG PRESTON: FOREST
Mit Texten von Zelda Cheatle und Nadine Barth, Gestaltung von Julia Wagner, grafikanstalt | Hatje Cantz, 2018 | 128 Seiten, 65 Abb. | 50 Euro