Lieber schnurgerade einbetoniert? Oder gerade noch wild? Die Sonderausstellung des DAV fordert, die Alpenflüsse weiter und wieder wild sein zu lassen.

Das Wasser fließt ab in den Walchensee – Die Isarausleitung bei Krün | © Nina Schnetzer

»Ich bin ungenießbar«, signalisiert die Gelbbauchunke (Bombina variegata), indem sie, wenn sie sich bedroht fühlt, ihren gelb gemusterten Bauch wie ein Warnschild nach oben dreht. Bedroht wird der Frosch vor allem durch die Eingriffe des Menschen in seine Lebensräume, die Wassertümpel und Lacken, wie sie an den Ufern der wenigen noch wild fließenden Alpengewässer zu finden sind. Den Alpenflüssen und der Frage, wem sie gehören, widmet sich die aktuelle Sonderausstellung des Deutschen Alpenvereins (DAV) auf der Praterinsel. Das Alpine Museum – eröffnet 1911 im Gebäude des Café & Restaurant Isarlust – steht ja selbst mitten im Fluss.

Zunächst einmal verwirrt die sehr puristische Konzeption der Ausstellung, die sich auf einen Raum des Museums beschränkt. Man erblickt eine wilde Anordnung von weißen Papierrollen mit dem Durchmesser von Ofenrohren, unterschiedlich hoch und entfernt an Orgelpfeifen erinnernd. Die senkrecht aufgestellten Röhren symbolisieren, wie Steffen Reich als Kurator der Ausstellung durchaus schlüssig erklärt, die vielfältigen alpinen Landschaften, welche die Gebirgsgewässer, die neben den Gipfeln das Bild der Alpen nachhaltig prägen, durchlaufen und die mit ihrer urwüchsigen Dynamik Nischen schaffen für Tiere und Pflanzen. Am Ende stehen die Rollen wie abgeschnitten und monoton geordnet in Reih und Glied, als Sinnbild für die Nutzung des Gewässers durch Industrie, Landwirtschaft, Siedlung und Freizeitgestaltung. Immer wieder, und das ist ein weiterer Einfall der Ausstellungsmacher, verbergen sich in den Papierhülsen teils animierte Informationen über jene Bewohner der Fluss- und Bachlandschaften, die durch die intensive Nutzung bedroht sind. So etwa die erwähnte Gelbbauchunke, aber auch die Kiesbankameise oder der Huchen, ein Verwandter der Lachse, die bis zu 1,5 Meter lang werden können. Knapp wird darüber informiert, auf
welche Weise die großen Lebewesen von den kleinen abhängig sind und umgekehrt. Einer Karte der Alpenländer ist überdies zu entnehmen, dass nur 20 Prozent der alpinen Bachläufe und nur noch ein Prozent der großen Flüsse in einem ökologisch guten Zustand sind.

In einem Nebenraum werden anhand von Schautafeln die Bemühungen des Alpenvereins als dem größten Naturschutzverband Deutsch lands dokumentiert, die letzten frei fließenden Alpengewässer, etwa die Obere Isar vor dem Sylvensteinspeicher, die Litzauer Lechschleife oder die Ammerschlucht, vor technischer Verbauung zu bewahren und weitere Renaturierungen voranzutreiben. Die Suche nach erneuerbaren Energiequellen und der Hochwasserschutz erzeugen mit ihren Stauanlagen und Verbauungen massive Eingriffe in naturnahe Flusslandschaften. Typische Wildflussarten wie der Flußuferläufer, die Deutsche Tamariske oder der Kiesbank-Grashüpfer verschwinden für immer. Die Ausstellung, vor allem aber die zahlreichen Begleit veranstaltungen, Expertengespräche und Fachsymposien laden dazu ein, die Zukunft der Alpenflüsse zu überdenken und an naturverträglichen Lösungsmöglichkeiten mitzuwirken. ||

GERADE WILD. ALPENFLÜSSE
Alpines Museum| Praterinsel 5 | bis 17. März 2019| Di bis So/Fei 10–18 Uhr | Führungen: 30. Juni und 25. August, 15 Uhr | 28. Juni, 18 Uhr: Expertengespräch »Freizeitnutzung an der Isar« | 5. Juli, 18 Uhr: Bildvortrag und Gespräch »Rettet die Balkanflüsse!« | weitere Termine: www.alpines-museum.de; Projekt zum Thema