»12 Tage« – sind die abgelaufen, muss in Frankreich ein Patient, der in die Psychiatrie zwangseingewiesen wurde, eine Anhörung vor Gericht bekommen. Der Filmemacher Raymond Depardon hat zehn dieser Fälle begleitet. Auf dem DOK.fest, wo »12 Tage« Deutschlandpremiere feierte, haben wir mit dem Regisseur und seiner Produzentin und Partnerin Claudine Nougaret über die Gratwanderung zwischen Wahnsinn und Norm gesprochen. Jetzt kommt der Film auch ins Kino.

Still aus der Psychiatrie-Dokumentation »12 Tage« | © Wild Bunch Germany

»Der Weg zum wahrhaftigen Menschen führt über den Irrsinn.« Wieso leitet dieses Zitat von Michel Foucault Ihren neuen Film?
Raymond Depardon: Zur Zeit des Drehs war Frankreich in einer angespannten Lage, in der man viel Schuld auf Behörden und Politik lud. Mir war deshalb wichtig, den Film nicht mit Bourdieu zu erzählen, sondern mit Foucault – also nicht einfach eine gesellschaftskritische Studie zu machen.
Claudine Nougaret: Es betrifft ja alle sozialen Schichten. Wir mussten von Anfang an klarmachen, dass wir über den Wahnsinn sprechen wollen und nicht über das Elend in Frankreich.
RD: Es durfte auf keinen Fall das Leid der Menschen noch mehr stigmatisiert werden. Da hat geholfen, dass ich schon zwei Filme zum Thema gedreht habe (»San Clemente«, »Urgences«, Anm. d. Red.) – ich musste mich also nicht auf den ersten Kranken stürzen, der den Kopf gegen die Wände schlägt. Der Film birgt ja ein enormes Paradox: Es ist ein Film über die Psychiatrie – aber die Psychiater sind abwesend.
CN: Die Psychiatrie wird erstmals von den Kranken erzählt. Sie haben das Wort. Und die Kranken, das sind wir, die doch den Patienten im Film näherstehen als den Richtern – finde ich zumindest (lacht).

Wie haben die Patienten darauf reagiert, dass man sie bei den Anhörungen filmen wollte?
RD: Am Anfang haben viele abgelehnt.
CN: Ich habe jede einzelne Person vorab getroffen; wenn sie ablehnten, habe ich das sofort akzeptiert – und da waren viele erstaunt, sie meinten: Hier akzeptiert sonst keiner, dass ich Nein sage. Denn auch die Psychiater filmen sie ja, zu Forschungszwecken – aber sie fragen nicht um Erlaubnis. Letztlich haben dann die meisten zugestimmt. Den meisten ging es vor allem darum, eine Wahl zu haben.

Gleichzeitig ist der Film doch das Medium schlechthin der Einkapselung. Wie kann er gleichzeitig den Blick für bestimmte Dinge öffnen?
RD: Ich hatte komischerweise eine sehr glückliche Kindheit auf einem Bauernhof, ich hatte nie mit der Justiz oder der Psychiatrie zu tun. Ich habe mich gefragt, was ich trotzdem zur Aufklärung beitragen kann.
CN: Es gibt bereits neue Gesetze, die sich an diesen Film, anlehnen, es gab Debatten im Parlament: »12 Tage« hat bereits einen wichtigen Diskurs eröffnet. Ästhetisch gesehen ist Kino dagegen das Gefangensein schlechthin: Wir arbeiten auch für Museen, und wenn wir dort Installationen ausstellen, ist das Publikum nicht eingesperrt, es geht ein und aus wie es will. Beim Film dagegen ist man gezwungen, von Anfang bis Ende zu bleiben. Das Kino ist irgendwo zwischen Messe und Gefängnis (lacht).

Und im Museum entscheidet man selbst, wie viel Zeit man vor einem Bild verbringt. Gibt dieser Blick auf die Patienten ihnen ein Stück Macht zurück oder entmündigt er sie gerade noch mehr, indem er sie zu Objekten macht?
CN: Es galt vor allem, das Wort den Menschen zu überlassen. Oberstes Ziel war wirklich, psychische Erkrankungen von ihrem Stigma zu befreien: Keiner will diese Leute sehen, keiner will sie hören. Deshalb muss man gut filmen, es muss einfach schön sein, darf kein Unbehagen geben. Es braucht die besten Kameras und die besten Mikros.
RD: Vorher habe ich viele Filme mit einer Kamera gedreht – als ich noch jung und arm war –, später dann zwei, und diesmal sagte der Cutter zu mir, wenn wir drei hätten, wäre es perfekt. So konnten wir auch die Schlacke entfernen, also Pausen oder Versprecher. Früher hatte man diese Möglichkeit ja nicht, da musste man schneiden und das sah man, jetzt fiktionalisiert man ein wenig. Wäre es nur ein Forschungsgegenstand, hätten wir fortlaufend gedreht und nichts angerührt. Aber das Ziel auch eines Dokumentarfilms ist ja, von möglichst vielen Leuten gesehen zu werden.

In Bayern gab es jüngst heftige Proteste gegen das geplante Psychiatriegesetz (BayPsychKHG), das die Weitergabe und Speicherung von Patientendaten an die Polizei zulassen soll. In Frankreich kann man ja eine ähnliche Entwicklung beobachten: Legitimiert das Bedürfnis nach öffentlicher Sicherheit allmählich den modernen Überwachungsstaat?
RD: Im Gericht sagen drei Viertel der Leute, ich bin unschuldig. Hier sagen sie: Ich will raus. Aber diese Aussagen sind natürlich nicht vergleichbar. Ich sehe den Film nicht als pessimistisch, sondern vielmehr optimistisch, weil er an etwas rührt, das uns sehr am Herzen liegt: die Freiheit. In Frankreich haben wir ja bereits Kameras in allen öffentlichen Einrichtungen.
CN: Ich hätte es bevorzugt, wären im Bataclan Kameras gewesen.
RD: Aber das ist doch ein totaler Big Brother-Effekt. Claudine, wenn du mit acht Jahren eine schlechte Note in Rechtschreibung hattest und das findet sich dann später in deinem Dossier wieder, wäre das doch ein krasser Eingriff ins Privatleben.
CN: Aber genau das passiert doch den jungen Leuten heutzutage! Sie posten etwas auf Facebook, und wenn sie mit 25 dann einen Job suchen, kann der Chef online wiederfinden, was sie mit 14 geschrieben haben. In China will die Regierung darauf aufbauend ein soziales Bewertungssystem einführen – »Black Mirror« wird da bald Realität.
RD: Wenn man ein paar Wochen in der psychiatrischen Notaufnahme ist, sollte das nirgendwo vermerkt werden. Das ist eine Frage der Freiheit.
CN: Ich finde, erst wenn wir irgendwann von künstlicher Intelligenz beherrscht werden, wird das Ganze richtig gefährlich. Deshalb ist das Wichtige am neuen Gesetz ja die menschliche Begegnung. Und wir haben beobachtet, dass das Personal den Patienten sehr viel Wohlwollen entgegenbringt.
RD: Ich hätte gern noch mehr Fälle wie die Frau von Orange gehabt, die mit einem Burnout eingeliefert wurde, um mich der Normalität zu nähern. Um zu zeigen: Es kann jedem passieren.

Als Fotograf sind Sie ja auch als Chronist der ganz normalen Leute berühmt geworden. Als Sie 2012 das offizielle Präsidentenporträt von François Hollande anfertigten, gab es einen großen Aufschrei: Nie zuvor wurde ein Präsident so nahbar gezeigt. »Die Zeit« nannte Sie gar den »Fotografen der französischen Normalität«. Wie fügt sich ein Film über die Psychiatrie in diese Linie?
RD: Für mich ist das etwas zutiefst Menschliches. Viel verrückter war eigentlich unser Filmprojekt »Les Habitants«: Da sind wir in die Stadt gegangen und haben ganz normale Menschen gebeten, ihre Gespräche aufzeichnen zu dürfen. Einige sind da sehr wütend geworden.
CN: Für sie war das schrecklich. Ihnen wurde ein Spiegel vorgehalten. Ist Wahnsinn also letztlich vielmehr die Norm?
RD: Die Menschen aus »12 Tage« berühren mich sehr, weil sie ein Stück ihres Lebens verlieren – aber ich glaube daran, dass man auch ein Stück weit heilen kann. Im Film ist der Psychiater unsichtbar, weil er zu seinen Patienten immer sagt, es liegt an dir, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und das ist doch auch etwas Schönes und sehr Befreiendes, diese Selbstverantwortung. ||

12 TAGE
Dokumentarfilm | Frankreich 2017
Regie: Raymond Depardon | 86 Minuten
Kinostart: 14. Juni
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