Helmut Lachenmann hat für die »musica viva« komponiert. Jetzt steht die Uraufführung ins Haus.

Immer auch provokant: Helmut Lachenmann | © Astrid Ackermann

Helmut Lachenmann gibt nicht gerne Interviews, um seine Musik zu erklären. Wenn aber etwas Neues ansteht, kann es schon passieren, dass er über seine Kompositionen redet. Oder eher über das Komponieren an sich und die Möglichkeiten, die sich ihm dadurch eröffnen. »Ich habe eine sportliche Lust, in die Höhle des Löwen zu gehen, dort, wo sich die Menschen mit ihrem Musikverständnis geborgen und glücklich fühlen, eine Erfahrung zu schaffen, und in dieser Geborgenheit ein Abenteuer in Gang zu setzen beim Hören. Ich will diesem Orchester, das wir kennen, ein neues Gesicht geben. Das ist Komponieren: aus diesen Instrumenten ein eigenes Instrument zu machen«, erklärte er Winrich Hopp, dem künstlerischen Leiter der Veranstaltungsreihe »musica viva«.

Im Mittelpunkt des musica-viva-Wochenendes Anfang Juni steht daher ein ungewöhnliches Solisten ensemble, das dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vorangestellt ist. Denn »My Melodies – Musik für acht Hörner und Orchester« legt den Fokus auf ein Instrument, das im Orchester zumeist als Fundament umfassender Klangfülle, aber selten solistisch wirkt. Es ist zusammen mit zwei weiteren Kompositionen, der »Serynade« für Klavier, die Pierre-Laurent Aimard übernimmt, und der Orchesterfassung des erst vor wenigen Monaten uraufgeführten »Marche Fatale« das Zentrum der beiden Lachenmann-Abende im Herkulessaal der Residenz, deren zweites Konzert am Freitag per Livestream auch im Internet miterlebt werden kann (8. Juni, brklassik.de/concert). Am Pult steht Peter Eötvös, der unabhängig von dem Schwerpunkt auch den dritten Abend des musica-viva-Wochenendes mit Werken von Elliott Carter bis György Ligeti im Prinzregententheater dirigiert.

Für Lachenmann jedenfalls gibt es derzeit genug Themen, über die es sich lohnt, sich als Komponist Gedanken zu machen. Da ist nicht nur das Spiel mit den Überraschungen, die eine ungewöhnliche Bläserbesetzung hervorrufen kann, sondern die Auseinandersetzung mit Formen überhaupt, die üblicherweise nicht hinterfragt werden. Ein Marsch zum Beispiel ist musikalisch gesehen eigentlich ein Widerspruch in sich. Schließlich ist es kaum möglich, einerseits konsequent der Musik zu lauschen und dabei gleichzeitig im Stechschritt zu laufen. Aus einer solchen Spannung kann etwas entstehen, das wiederum den Hörern seiner Musik Momente des Staunens, vielleicht sogar des Schmunzelns verschafft. »Ich habe mir irgendwann vorgenommen, das ›Lächerliche‹als entlarvendes Wahrzeichen unserer am Abgrund stehenden Zivilisation ernst – vielleicht bitter ernst – zu nehmen. Der – wie es scheint – unaufhaltsame Weg ins schwarze Loch alles lähmenden Ungeistes: ›das kann ja heiter werden‹«, schreibt Helmut Lachenmann im Programm der Uraufführung des »Marche Fatale« in Stuttgart und macht damit auf den Widerspruch von Banalität und Absurdität im musikalischen Geschehen aufmerksam. Vielleicht hilft ja Humor gegen den Ungeist. Ziemlich sicher sogar, und deshalb wird es spannend sein, die Münchner Erstaufführung des fatalen Marsches in der Orchesterversion mitzuerleben. Womöglich lacht sich einer ins Fäustchen, den Komponisten jedenfalls wird es nicht stören. Er hat schon immer sein Publikum herausgefordert, und das ändert sich auch mit 82 Jahren nicht mehr. ||

MUSICA VIVA WOCHENENDE
Herkulessaal| 7., 8. Juni| 20 Uhr
Prinzregententheater| 9. Juni| 19 Uhr
Tickets: 089 54818181