Das Open Border Ensemble wandert durch die Stadt.

… und macht Party wie in Damaskus | © Gabriela Neeb

Wenn Kinan Hmeidan, Schauspieler und DJ aus Damaskus, von den Partys erzählt, die er (nicht ganz offiziell) mit Freunden in leer stehenden Häusern der syrischen Hauptstadt veranstaltet, davon, wie alle trotz Ohnmacht und Depression zusammen den Moment feiern und zu der weich pulsierenden Musik tanzen, die jetzt auch hier aus den Boxen über den öden Hanns-Seidel-Platz in Neuperlach schallt, dann ertappt man sich fast bei dem Wunsch, einmal dort dabei sein zu können, an dem Ort, von dem seit Jahren vor allem Schreckensnachrichten zu hören sind und noch immer so viele fliehen.

Kinan ist nicht geflohen, sondern auf Einladung der Münchner Kammerspiele vorübergehend Mitglied des Open Border Ensembles, derzeit zwei Frauen, drei Männer: Majd Feddah, May Al Hares, Kamel Najama und Kinan Hmeidan aus Syrien und die Deutsche Maja Beckmann von den Kammerspielen. Auf einer mobilen Bühne werden sie mit Unterstützung des Kulturzentrums Bellevue di Monaco und gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und der Bundeszentrale für politische Bildung zehn Monate lang in der Stadt unterwegs sein, Workshops für alte und neue Bewohner anbieten, eigene Produktionen entwickeln und dabei die Grenzen im Kopf und auf der Landkarte möglichst durchlässig werden lassen.

Den Anfang machte die Regisseurin Jessica Glause mit »Miunikh – Damaskus«, so etwas wie ein Warm-up-Workshop, bei dem die fünf in den kunterbunten Anzügen von Mai Gogishvili ein wenig wie ein vogelwild zusammengewürfeltes Animationsteam in einem sehr alternativen Feriencamp wirken, in dem man sich zum Kennenlernen erst mal gegenseitig seine Eindrücke von der neuen Umgebung schildert: München, die schöne, reiche Stadt, in der sogar die Hunde Kleider tragen, manche sogar Schuhe und Handtaschen, in der man immer von einem Termin zum anderen hetzt, wo aber auch 17 Prozent der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze leben.

Und Damaskus, wo der Krieg längst zu einer alternativen Normalität geworden ist, wo ganze Viertel gesperrt und allmählich vergessen werden, ein Gefängnis, eine schrumpfende Stadt, in der es dennoch Alltagsleben und sogar Zerstreuungen gibt und wo man, weil die heimischen Brauereien zerbombt sind, mittlerweile sogar Bier aus aller Welt trinken kann. Kamel Najama erzählt, wie seine Stimme – er synchronisiert Serien und Kinderfilme wie »Ice Age« – durch das Mikrofon ohne Pass und Visum um die Welt fliegt, während sein Körper an jeder Grenze aufgehalten wird. Die Tänzerin May Al Hares, die als Palästinenserin in Damaskus geboren wurde, berichtet von ihrer Zeit als Kunstturnerin im syrischen Olympiakader, als sie mit einem Diplomatenpass ungehindert reisen konnte, den sie nach dem verletzungsbedingten Ende ihrer Sportkarriere allerdings wieder abgeben musste. Inzwischen hat sie einen europäischen Flüchtlingsstatus und arbeitet als Tänzerin unter anderem im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau.

Während die anderen eine Bus-Szene spielen, knallt sie mit einem Salto als Bombe mittenrein, und wenn Maja Beckmann deshalb theatralisch aufschreit, wird sie von Kamel, der den Busfahrer spielt, beschwichtigt: »Don’t worry, it’s friendly fire, the bomb is from our side.« Ein Kaleidoskop der Perspektiven setzt sich beim Betrachten dieses noch sehr lose verknüpften Sammelsuriums an spielerischen Gedankensplittern, biografischen Erzählungen und Songs allmählich auch im eigenen Kopf in Gang. Was macht den Einzelnen aus, wie lassen sich strategisch-defensive Kategorien im konkreten Miteinander auflösen und was kann dabei herauskommen, wenn man Theater als transnationalen Raum definiert? Vieles ist da noch offen, aber gespannt sein kann man darauf, wie sich die Begegnung unter der Regie der argentinischen Theatermacherin Lola Arias, die gleich im Anschluss mit dem Open Border Ensemble weiterarbeitet, fortsetzen wird. ||

MIUNIKH – DAMASKUS (GESCHICHTEN EINER STADT)
Open Border Ensemble Münchner Kammerspiele
Schweizer Platz U-Bahn Fürstenried West | 5., 6. Juni
Isargärten U-Bahn Thalkirchen | 29., 30. Juni | 20 Uhr
Tickets: 089 23396600 | www.kammerspiele.de