Mit Künstlern wie Joseph Beuys und Andy Warhol zählt Bernd Klüser seit 40 Jahren zu den wichtigsten Galeristen in München. Ein Porträt.

Andy Warhol und Bernd Klüser, 1980, zur Ausstellung »Beuys by Warhol« Foto: Angela Neuke, © Galerie Klüser

Rückblickend auf 40 Jahre Galerie, so sagt er, hätte er Glück gehabt. »Ich kann mich glücklich schätzen, in diese Zeit gekommen zu sein, eine Zeit des Aufschwungs in den 60er, 70er und 80er Jahren, eine Zeit, in der man unter Bedingungen arbeiten konnte, wie man sie heute nicht mehr vorfindet. Es war ein großes Glück – aber man musste auch etwas daraus machen«. Und er hat etwas daraus gemacht. Die Galerie Klüser zählt zu den wichtigsten international aufgestellten Münchner Galerien. Von Beginn an führte sie große Namen wie Joseph Beuys, Andy Warhol, Tony Cragg, Cindy Sherman und Enzo Cucchi im Programm, später kamen Alex Katz, Jan Fabre, Sean Scully, Stephan Balkenhol, Christian Boltanski dazu bis hin zu der Reihe jüngerer Künstlerinnen wie Lori Nix und Jorinde Voigt, die seit ein paar Jahren die Brücke in die heutige Zeit schlagen. Es ist ein klar konturiertes, aber dennoch gemischtes und als klassisch zu bezeichnendes Galerieprogramm.

Bernd Klüser ist ein Galerist alter Schule, zurückhaltend und distinguiert, freundlich zugewandt ohne jede Eitelkeit und Arroganz. Was einen guten Galeristen ausmacht? »Zu lernen, wie ein Künstler denkt«. Alles strahlt eine große Seriosität aus: die großzügige Schwabinger Altbauwohnung in der Georgenstraße mit dem schönen verglasten Büro und dem Blick ins Grüne; die repräsentativen Ausstellungsräume, in denen derzeit die zweite große Ausstellung des Jubiläumsjahres zu sehen ist. Werke von Andy Warhol: Beuys-Porträts, Siebdrucke und Bilder der »Details of Renaissance-Paintings« sowie Arbeiten aus der Lenin-Serie (bis 16. 5.); die Vielzahl eigener Publikationen, Kataloge, die am Empfang zum Blättern einladen, oder die Bücher über Ernst Jünger und Hans-Georg Gadamer sowie das Standardwerk »Die Kunst der Ausstellung«, die von der intellektuellen Auseinandersetzung des Galeristen zeugen.

Bernd Klüser holt sein erstes selbst verlegtes Buch aus dem Regal, ein bereits 1971 im Letraset-Verfahren produziertes Ringbuch: Es ist nichts weniger als das Werkverzeichnis der Multiples von Joseph Beuys, heute noch ein Standardwerk in 8. Auflage. Wie kam ein 26-jähriger Jurist auf Joseph Beuys? Es war die ungebremste Leidenschaft für Kunst, die ihn schon als Schüler in die Museen getrieben hat – die Initialzündungen waren Edvard Munch und Ernst Wilhelm Nay. Dass er zunächst Jura studierte, diente »der Beruhigung der Familie, etwas Bürgerliches zu machen«. Parallel dazu begann er mit ersten Projekten für Heiner Friedrich, in dessen Münchner Galerie damals die aktuelle Kunst kulminierte. 1970 gründete Klüser zusammen mit seinem Studienkollegen Jörg Schellmann eine Kooperation. Als Edition Schellmann + Klüser gaben sie von 1975 bis 1985 in einer Etage in der Maximilianstraße Grafi ken und Multiples internationaler Künstler heraus, zunächst vor allem von Beuys. Dass der Ausnahmekünstler den beiden jungen Verlegern sein Vertrauen entgegenbrachte, lag an deren ungewöhnlichem Engagement und Ideenreichtum. 1976 initiierten sie die Skandalausstellung »zeige deine Wunde« von Beuys im Münchner Kunstforum und den darauf folgenden städtischen Ankauf der Installation für das Lenbachhaus. 1978 eröffnete Klüser seine eigene Galerie: im Portfolio hatte er Joseph Beuys und Andy Warhol. Als tragende Säulen bildeten sie auch den Maßstab für das
weitere Programm. Beuys hat die Haltung des Galeristen und den Geist der Galerie geprägt wie kein anderer. »Ich habe mehr von Beuys gelernt als während eines ganzen Studiums.«

Auf Initiative von Bernd Klüser entstanden ab 1980 die erwähnten Serien von Andy Warhol mit den Porträts von Beuys, die in Anwesenheit beider Künstler 1980 präsentiert wurden. Dass beide Mitte der 80er Jahre in kurzem Abstand starben, war einer der tragischen Momente der Galerie. Doch auch in den folgenden Jahren setzte sich Bernd Klüser weiter intensiv für Beuys ein, u. a. übergab er ein umfangreiches Konvolut an Arbeiten aus seiner Sammlung an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Zwei Zeichnungen von Joseph Beuys waren es auch, die den Grundstein legten zu der privaten Sammlung von Bernd Klüser und seiner Frau Verena, selbst Kunsthistorikerin, die sich auf Zeichnungen konzentriert. Im Lauf der Jahre ist ein eindrucksvoller Bestand angewachsen, ausgehend von Zeichnungen zeitgenössischer Künstler über Blätter aus dem 19. Jahrhundert bis zurück in die Renaissance. Seit 2010 wurden unterschiedliche Aspekte der Sammlung an verschiedenen Orten präsentiert und in Katalogen publiziert. Als Klüser ein kleines bezauberndes Aquarell von Eugène Delacroix auspackt, wird seine emotionale Hinwendung zur Zeichnung spürbar, dem Medium, das als die ursprünglichste und unmittelbarste aller Kunstformen gilt und oftmals eine erstaunliche Zeitlosigkeit aufweist.

Bernd Klüser| © Timothy Greenfield-Sanders, Galerie Klüser Galerie Klüser

Für die Präsentation jüngerer Kunst kam 2002 die Galerie Klüser 2 in der Türkenstraße hinzu. Niederschwelliger als die Altbauetage, der ein respekteinfl ößender Klingelknopf vorgeschaltet ist, kann diese Ladengalerie einfach durch die große Glastür betreten werden. Bei der Beuys-Retrospektive zu Beginn des Jubiläumsjahres (MF 71/2018) tummelte sich dort ein sichtbar jüngeres Publikum, während sich in der Georgenstraße Museumsleute, langjährige Sammler und Freunde der Galerie versammelten. Derzeit ist bei Klüser 2 die Ausstellung der beiden New Yorker Künstlerinnen Lori Nix (*1969) und Kathleen Gerber (*1967) mit ihren spektakulären Fotoinszenierungen postapokalyptischer Visionen zu sehen. Erstmals unter dem Label NIX/GERBER zeigen sie ihre neue gemeinsame Serie »Empire«, aufwändig und detailreich gebaute Dioramen urbaner Szenerien, die mit der Kamera ausgeleuchtet und fotografi sch festgehalten werden.2014 wurde dem Ehepaar Klüser das Bundesverdienstkreuz verliehen, 2016 erhielt Bernd Klüser den FEAGA Lifetime Award durch den Europäischen Galeristenverband für beispielgebende und nachhaltige Kunstvermittlung. Das Feld scheint bestellt, die Nachfolge geregelt. In die Fußstapfen tritt Julia Klüser, selbst Kunsthistorikerin mit internationaler Museums- und Galerienerfahrung und bereits seit 2001 Geschäftspartnerin ihres Vaters. Doch seit einiger Zeit machte ihr der Kunstbetrieb keinen Spaß mehr. Überraschend hat sie die Konsequenzen gezogen und vergangenen Sommer eine Naturheilpraxis eröffnet. Erleichtert und sichtlich vergnügt teilt sie ihre Zeit nun zwischen Galerie und Praxis auf.

Der Vater scheint indes nicht so beglückt, überlässt ihr aber die Entscheidung. Und dann zeigt er doch Verständnis: Sein Unmut wächst, je mehr er sich über den heutigen Kunstbetrieb äußert. »Die Zeiten, in denen Vertrauen, Respekt und Loyalität das Galeriengeschäft beherrschten, Künstler und Galerist Hand in Hand zusammenarbeiteten, miteinander wuchsen und Krisen gemeinsam meisterten, die Zeiten, in denen Inhalte zählten und Kunst nach Qualitätskriterien beurteilt wurde, sind vorbei.«

»QUALITÄT«. Das Schildchen mit dem kleinen Wort steht auf seinem Schreibtisch und erhält immer mehr programmatisches Gewicht, je länger Bernd Klüser spricht. Würde er unter den heutigen Bedingungen wieder eine Galerie eröffnen? Ein klares Nein. Aber er wolle nicht klagen. Schließlich hatte er das Glück, seine Galerie schon vor 40 Jahren eröffnet zu haben. Und er freue sich auf Anish Kapoor, dem er im Jubiläumsjahr erstmals eine international beachtete Ausstellung ausrichten wird. ||

LORI NIX / KATHLEEN GERBER – EMPIRE
Galerie Klüser 2| Türkenstr. 23 | bis 26. Mai
Di–Fr 14–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr

ABSTRACT/ION
Galerie Klüser| Georgenstr. 15 | Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr | Galerie Klüser 2 | 7. Juni bis 28. Juli