In Wes Andersons neuem Film »Isle of Dogs – Ataris Reise« werden die Räudigen zu Helden.

In Wes Andersons neuem Film »Isle of Dogs« spielen nicht Menschen die Hauptrolle, sondern diese zotteligen Inselbewohner | © Twentieth Century Fox

Die Animation ist der ureigene Modus, in dem Wes Anderson seine Filme macht – selbst wenn sich gebaute Kulissen oder menschliche Schauspieler vor die Kamera schieben. Ob in »Grand Budapest Hotel« oder in »Moonrise Kingdom«, sei es bei »Fantastic Mr. Fox« oder in Wes Andersons aktueller Stop-Motion-Arbeit: In symmetrischen Konstruktionen entfaltet sich da ein Erzählraum, der sich als so expressiv wie letztlich makellos erweist. Oder besser: Auch die Makel, der Rost, der Müll, der Schmutz haben ihren zugeteilten Ort. Es gibt keinen Zufall in dieser Welt. Ein Sofa in einem Wes-Anderson-Film ist ein Kunstwerk beispielsweise und wird nicht wieder zum bloßen Sofa, wenn die Kamera ausgeschaltet wurde. Auch die Lebendigkeit, ja Schrulligkeit der Handelnden ist von einzigartiger Künstlichkeit, womöglich am eindrücklichsten reflektiert in ihrer hoch-, manchmal gar schriftsprachlichen Ausdrucksweise.

Die Einheimischen Japans allerdings verständigen sich in einer Sprache, die den räudigen Helden gänzlich unverständlich ist. Sie verstehen nicht, warum sie alle auf die titelgebende Insel verbannt werden; sie verstehen nicht, was sie von Herrchen und Frauchen trennen soll. Als Atari, der Ziehsohn des finsteren Bürgermeisters von Megasaki City, auf den Schuttbergen von Trash Island halb landet, halb abstürzt, beginnt eine Schnitzeljagd: Sein Hund Spots war der erste, an dem ein Exempel statuiert wurde, den es in die ewige Quarantäne verschlug. Zusammen mit einem Trupp zotteliger Hunde macht Atari sich auf die Suche nach ihm, während nebenan in der Metropole die amerikanische Austauschschülerin Tracy eine gewaltige Verschwörung wittert.

Massenszenen orchestriert Anderson da, die seine Obsession von Struktur in ganz neuer Dunkelheit erscheinen lässt: Kein Zweifel, ein neuer Faschismus zieht auf – einer, der sich formal Meinungsfreiheit auf die Fahne geschrieben hat, aber mit Demonstrationen von Stärke und Vernichtungskraft protzt. Ein kohärentes Japan-Bild entsteht jedoch absichtlich nicht, zumal die Handlung einige Jahre in die Zukunft verlegt ist. Der Filmemacher zitiert sich durch das, was dem Fremden typisch oder gerade fremdartig erscheinen mag. Am Ende etwa hämmert es von den Taiko-Trommeln, während die Credits sich in einer Anordnung gruppieren, wie sie den japanischen Panoramamalereien in ihrem Verzicht auf die Zentralperspektive zu eigen zu sein scheint. Es ist wohl eher japanhaftig, was man da sieht, als wirklich japanisch – wenngleich der japanische Autor und DJ Kunichi Nomura am Drehbuch beteiligt war. So entzieht sich der Künstler der Kritik, die an realistische Darstellungen zu richten wäre. Doch tatsächlich ist dieses Fantasiejapan auch ein Problem der Dramaturgie: Zwischen humoristischem Politthriller und Abenteuerreise zerfasert der Film, der in der Dynamik der frechschnäuzigen Hunde eigentlich ein ausbaufähiges, konzentriertes Zentrum finden könnte. ||

ISLE OF DOGS
USA, Deutschland 2018 | Regie: Wes Anderson 101 Minuten
Kinostart: 10. Mai
Trailer