Einblicke in den Expressionismus nach dem großen Krieg gibt die kleine Ausstellung »Wissenschaft Macht Kunst« aus Beständen des Franz Marc Museums: von Paul Klees poetischen Flugträumen über melancholische Figuren von Erich Heckel und Max Kaus bis zur Desillusionierung bei Max Beckmann und George Grosz.

Walter Gramatté: Novemberporträt| 1918 | Kaltnadelradierung, 34,4 x 25 cm | Franz Marc Museum, Stiftung Etta und Otto Stangl, Foto: Walter Bayer, München | © CAS

»Luftvögel«, ein Wort und altes Fachwort, wie es nur Paul Klee poetisch vorspielen kann im Kontrast zu »Wasservögel«. Betitelt hat er 1919 damit ein wunderbares Blatt und eine Kostbarkeit der Ausstellung im Center for Advanced Studies der LMU, das in einer schönen Villa in Alt-Schwabing residiert, wo einst der Philosph ErnestoGrassi wohnte. Die Tuschfederzeichnung aus revolutionärer Zeit de mons triert mit schöner Komik die Spannung zwischen unterer und oberer Sphäre, vielleicht auch eine Reminiszenz an Klees Kriegszeit in der Fliegerersatzabteilung in Oberschleißheim und der Fliegerschule in Gerst hofen. Im CAS in der Seestraßenun hängt das Bild, eine historische Fügung, in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Ort, in dem Klee seinerzeit ein Atelier bezogen hatte: dem Schlösschen Suresnes. Dort versteckte sich 1919 der Revolutionsführer Ernst Toller hinter einer Tapetentür in der Wohnung des Malers Johannes Reichel, aber das musste Klee nicht wissen. Klee war übrigens selbst fast ein Revolutionär, denn er erwog ein Engagement im Aktionsausschuss revolutionärer Künstler, verzogsich aber nach der Zerschlagung der Räterepublik 1919 aus Furcht vor Repressalien der Militärregierung in die Schweiz.

Das CAS veranstaltet eine hochkarätige Vortragsreihe zur Münchener Räterepublik, unter dem Titel »Wissenschaft Macht Politik« – und die parallel geschaltete Ausstellung ersetzt den letzten Begriff mit »Kunst«, so dass hier eher wissenschaftliche Konzepte in der Kunst vermutet werden als Revolutionäres mit ihr in Verbindung gebracht. Denn eine Ausstellung von Revolutionskunst kann und will die von Claudia Kreile kuratierte Präsentation nicht sein, sondern »ein Stimmungsbild zeichnen von der Schaffensatmosphäre um das Ende des Ersten Weltkriegs«, wie Kreile erläutert. Dabei hat sie aus den Beständen des Franz Marc Museums in Kochel Zeichnungen und Druckgrafik ausgewählt, denen man hier aufs Schönste nähertreten kann.

Gegliedert ist die Ausstellung in die Abteilungen »Anthropologie des Krieges«, meint: Emotionen »nach der Apokalypse«, sowie »Analyse des Selbst«, »Autopsie des Humanen«, »Soziologie des Alltags« und »Anatomie einer Epoche«. Bei Letzterer zeigt der Untertitel »Persönlichkeiten und Begegnungen«, dass die Oberkategorien zu allgemein und diesechs Beispiele dafür zu wenig repräsentativ ausfallen: Es handelt sich um ein Selbstbildnis von Ludwig Meidner, wie stets nervös, um eine wundersame Personengruppe im »Lauschen« von Walter Gramatté (ein Holzschnitt aus dem Jahr 1923), drei Porträts von Musikern (Max Pechstein, Lovis Corinth, Erich Heckel), wobei Pechsteins Litho »Bildnis Dr. Freundlich« dieselbe Person abbildet wie sein Musiker Holzschnitt, nämlich Prof. Erwin Freundlich, den Astronomen (und Cellospieler).

Zu wenig Wissenschaftler für ein Wissenschaftszentrum! Akte sind nun nicht gerade ein zeitspezifisches Thema, und es kommt immer auf die Œuvreentwicklung des Einzelnen an – immerhin könnte man bei Erich Heckel, der ohnehin seit 1914 die kunstrevolutionäre Energie des Brücke-Expressionismus in ein lyrischeres Fahrwasser auslaufen lässt, melancholisch ruhende Frauen und – vom Krieg? – ausgemer gelte Männer ausmachen. Denn Körper und Psyche der Männer waren durch den Krieg, so ließe sich argumentieren, extrem belastet. Eine schöne Entdeckung aus dem Depot sind, in diesem Kontext, die drei Arbeiten des in Deutschland nahezu vergessenen Georges Kars. Der Prager hat in München Kunstgeschichte und wie Klee bei Heinrich Knirr und an der Akademie bei Stuck studiert, verkehrte später im Kreis von Picasso und im Salon von Gertrude Stein und beging nach seiner Flucht in die Schweiz 1945 Selbstmord.

Besonders sehenswert sind – im Erdgeschosseinandernahgehängt– die Arbeiten Walter Gramattés, des Pathetikers der Störungen, und die Köpfe von Max Kaus mit ihrer spröden Melancholie. Genau in der Zeit – datiert 17. 11. 18 – entstanden ist die Kaltnadelradierung von Gramatté, ein Selbstbildnis: unendlich traurig mit seinen haltlos schraffierten Zügen und furchtleuchtenden Augen, weit entfernt von revolutionärem Aufbruch, sein »Novemberporträt«. ||

WISSENSCHAFT MACHT KUNST.BILDER ZUR ZEIT DER MÜNCHENER RÄTEREPUBLIK
CAS – Center for Advanced Studies
Seestr. 13 | bis 15. Juli| Besuch nach Anmeldung (Mo–Do, ca. 10–16 Uhr): info@cas.lmu.de oder 089 218072080 || Vortragsreihe zur Münchner Räterepublik: 15. Mai, Literaturwissenschaft und Philosophie, mit Michael Brenner und Liliane Weissberg, Moderation: Judith Heitkamp| 21. Juni, Rechtswissenschaften, mit Kathrin Groh, Reinhard Mehring und Richard F. Wetzell, Moderation: Ann-Katrin Kaufhold
5. Juli, Kunstwissenschaften, mit Sabine Hake und Cathrin Klingsöhr-Leroy, Moderation: Julia Voss | jew. 18.30 Uhr, Anmeldung info@cas.lmu.de | www.cas.lmu.de