Kammerspiele-Schauspielerin Julia Riedler liebt die Überforderung.

Julia Riedler in »Hot Pepper, Air Conditioner and The Farewell Speech« von Toshiki Okada © Julian Baumann

Von einem Regisseur verlangt sie schon einmal, dass er ihr ein eigenes Universum präsentiert. »Eine Welt, bei der ich spüre, die lässt sich zum Leben erwecken«. Sie selbst bringt »für jeden Regisseur einen eigenen Koffer« mit schauspielerischen Erkenntnissen mit. Stillstand kennt die 28-jährige Salzburgerin, die seit der Spielzeit 2015/16 festes Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen ist, ohnehin nicht. Wenn es ein Wort gibt, das sie charakterisiert, dann wohl das Wort »vorwärts.« »Man kann immer noch besser sein, es gibt keine Obergrenze – das ist auch das Unbarmherzige an dem Beruf. Trotzdem würde ich am liebsten alles ewig proben.«

Einstweilen jedenfalls hört sie nicht auf zu spielen, stolze neun Stücke mit ihr sind im April im Repertoire, ein paar Filmangebote sagt sie dann schon mal ab. Am 29. April hat »Der Vater« von August Strindberg in der Inszenierung von Nicolas Stemann Premiere. »Das Spielen lebt von der Verschwendung, ich liebe die Überforderung. Nur wenn ich meine Grenzen sprenge, weiß ich, warum ich eigentlich Schauspielerin bin.« Teamgeist ist ihr dabei wichtig, kein Wunder, dass sie (gemeinsam mit Stefan Merki) als Ensemblesprecherin tätig ist. »Ich halte es für ganz entscheidend, dass wir als Schauspielerinnen und Schauspieler das Theater mitgestalten, und dafür engagiere ich mich.« Mehrere Preise hat sie erhalten, Kritiker lobten, dass sie auf glatten Perfektionismus pfi ffe und Raum für Überraschungen lasse.

Kammerspiele-Intendant Matthias Lilienthal erwähnte sie namentlich, als es darum ging, das eigene Theater weiter als Ort der Schauspielkunst zu präsentieren, entgegen mancher Kritik. Sie selbst liebt das klassische Sprechtheater, wenn es Klasse hat, betont aber gleichzeitig die Wichtigkeit des Performativen. »Inszenierung spielt heutzutage einfach eine enorm große Rolle in unserem Leben. Ich kann ja einer 16-Jährigen, die sich in fünf Sekunden mit einer App zum Supermodel machen kann, keine Ästhetik von gestern präsentieren.« Neue Handschriften entwickelt da, glaubt sie, vor allem die freie Szene, für die sie sich während ihrer Zeit an der Schauspielschule in Hamburg engagiert hat – während der Semesterferien. Etwa als Performance-Kuratorin beim MS-Dockville-Festival. Da spürte sie eher als an der Schauspielschule eine Offenheit, eine größere Bandbreite von Theater und sah, dass es die Chance gab, »das eigene Begehren als Künstlerin zu formulieren«. Als etablierte subventionierte Bühne wie die Kammerspiele müsse man die Chance nützen, die Impulse der freien Szene »aufzuschnappen«, glaubt sie. So habe das ja schon immer funktioniert, etwa bei René Pollesch.

Als geglücktes Beispiel dafür ließe sich wohl die Aufführung von »The Re’Search« von Ryan Trecartin in der Inszenierung von Felix Rothenhäusler mit Julia Riedler, Brigitte Hobmeier und Thomas Hauser nennen, eine nicht nur sprachakrobatische Studie vom Feinsten. Eine ganz besondere Performance ist auch das Dramolettin Elfriede Jelineks »Wut«, eine kurze Szene, in der Julia Riedler sich selbst, den Regisseur Nicolas Stemann und die Autorin in einem inspirierten Parforceritt parodiert. Stemann führte auch schon Regie bei Shakespeares »Der Kaufmann von Venedig«, Julia Riedlers höchst erfolgreichem Einstieg an den Kammerspielen, sie spielte die Portia. Apropos Frauenrollen, auf der Bühne neue Bilder von Weiblichkeit zu entwerfen, hält Julia Riedler für entscheidend. »Frauenrollen sind immer für den emotionalen Part zuständig, Männerrollen sind allgemein komplexer.«

Einstweilen tröstet sie sich, indem sie auch gerne mal in Männerrollen schlüpft, Jesus in »Wut«, den Schriftsteller Harry Meisel in Stefan Puchers Inszenierung »Wartesaal« nach Lion Feuchtwanger. Egal, wen sie spielt, sucht sie den Kontakt zum Publikum, begreift sich auf der Bühne als »Verführerin«. Gerne ließe man sich von ihr einmal in einer wirklich komplexen Frauenrolle verführen. Etwa als Antigone. ||

DER VATER
Kammer 1| 29., April, 20. Mai | 19 Uhr | 2., 7., 25. Mai
19.30 Uhr | Tickets: 089 23396600