… dass er Afrikaner ist?!« Ein Gespräch mit Markus Imhoof, Regisseur des Films »Eldorado«.

Jörg Imhoof | © Mathias Bothor / Majestic

Mit Flucht und Migration, mit Politik wie Populismus war Markus Imhoof schon in frühester Kindheit konfrontiert. Bereits 1945 hatten seine Eltern Giovanna, ein italienisches Flüchtlingskind, zu sich aufgenommen. Später ging er mit der Schwester Christoph Blochers (SVP) aufs Gymnasium und erlebte den rechten Schweizer Populisten kurze Zeit später als polternden Studenten. Nach der Premiere seines preisgekrönten Flüchtlingsdramas »Das Boot ist voll« (1981) wurde ein Hakenkreuz vor sein Elternhaus gemalt. Seine humanistische Grundhaltung hat er trotzdem nie verloren. Vor allem junge Leute sollten sein neuen Film sehen: Das würde ihn am meisten freuen, denn »ihnen gehört die Zukunft, nicht den Populisten!«

Herr Imhoof, nach dem immensen Erfolg Ihres Dokumentarfilms »More Than Honey« über das Bienensterben hatten viele schon gedacht, dass Sie keine weiteren Filme mehr drehen. Was war der konkrete Auslöser für Ihren neuen Film »Eldorado« und wie haben Sie persönlich zum ersten Mal die so genannten Flüchtlingskrise bewusst wahrgenommen?
Nun ja, nach den vielen Bienen (lacht) und dem großen Erfolg hätte es durchaus so sein können, dass ich jetzt mit dem Filmemachen aufhöre und Bienen züchte. Aber als ich vor einigen Jahren am Frühstückstisch saß und von der humanen Katastrophe vor Lampedusa gelesen hatte, wo viele Menschen umgekommen sind, musste ich einfach weitermachen. Da konnte ich nicht still sitzen bleiben. Ich hatte dort zwei Jahre davor selbst schon einmal Urlaub gemacht und mich viel mit diesem Thema beschäftigt. Seerettung war durch den Deal zwischen Berlusconi und Gaddafi ja strafbar. Aber nach dem grossen Unglück machten der Papst und der damalige UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon einen Aufruf, endlich das Sterben zu beenden. Ich möchte ja schließlich auch, dass die Menschlichkeit siegt und nicht der Egoismus!

Lange vor Angela Merkels berühmtem Satz »Wir schaffen das!« von 2014 hatten Sie bereits mit der Arbeit an »Eldorado« begonnen. Trotzdem gingen seitdem viele Jahre ins Land und zur gleichen Thematik sind inzwischen schon einige preisgekrönte Filme wie Gianfranco Rosis »Fuoccoamare« oder Ai Weiweis »Human Flow« entstanden. Warum hat es so lange gedauert?
Meine Produzenten wollten natürlich schon, dass der Film rechtzeitig herauskommt (lacht), aber wir wissen alle, dass uns dieses Thema sicherlich auch noch in zehn Jahren sehr intensiv beschäftigen wird. Dabei hat mich vor allem das Grundsätzliche am Thema Empathie interessiert und die Frage: Wie gehen wir eigentlich miteinander um?

Wenn man sich die ersten Einstellungen Ihren neues Filmes ansieht, tut es einem regelrecht weh: Viele Geflüchtete kämpfen in den Fluten des Meeres um ihr nacktes Überleben. Was haben diese schrecklichen Umstände während des Drehs in Ihnen persönlich ausgelöst? Und wie sind Sie mit alltäglichen Horror vor Ort umgegangen?
Im Augenblick, wo so etwas passiert, ist es als Filmemacher zunächst einmal das Wichtigste, dass man nicht stört. Ich wusste, dass ich da körperlich in diesem Moment nicht eingreifen konnte. Und zugleich sollte unsere Kameraarbeit vor Ort nicht voyeuristisch, sondern dokumentierend sein, weil wir diese Menschen nicht missbrauchen wollen. Die eigentliche Reflexion kommt dann wirklich erst in der Nacht, wenn das Adrenalin nicht mehr ganz so hoch ist. Besonders wichtig waren mir dann die abendlichen Gespräche in der Kabine, wo ich mit einem Offizier zusammen war, weil jeder für sich das Ganze irgendwie verdauen muss. Auch diese Soldaten haben natürlich Mitleid und Heimweh, auch wenn sie offiziell im Einsatz auf dem Boot gar keine Meinung äußern dürfen.

Wie haben Sie diese Zustände an Bord der »Mare Nostrum« im ersten Moment überhaupt wahrgenommen? Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?
Das allererste Mal, wenn man das Flüchtlingsboot in den Wellen sieht, ist das wirklich wie ein Schlag in den Bauch: Es trifft einen sofort, und das merke ich auch jetzt gleich wieder, wenn ich davon erzähle. Denn in der »Tagesschau« haben diese Menschen immer Schwimmwesten an, aber das ist nie so! Die bekommen sie erst von den Rettern. Und die meisten von ihnen können auch gar nicht schwimmen! Und dann sieht man zum ersten Mal in ihren Gesichtern auch diese seltsame Mischung aus Angst und Erlösung…

Was sicherlich auch damit zu tun hatte, dass Sie beim Dreh alle maskiert waren…
Ja, wir hatten diese Ebola-Anzüge mit den weißen Kapuzen an. Wir müssen daher für sie wie eine Mischung aus Ku-Klux-Klan-Mitgliedern und Aliens ausgesehen haben. Auch in den späteren Gesprächen mussten wir die Masken immer anhaben und Gummihandschuhe tragen. Wir haben innerlich immer noch diese klare Grenze gespürt, was schon sehr befremdend war.

Wenn man geschichtlich und kulturell weiter ausholt, ist es doch eigentlich grotesk wie schlecht wir mit unseren afrikanischen Mitmenschen umgehen, obwohl wir doch alle unmittelbar von Afrikanern abstammen, die vor langer Zeit einmal nach Europa ausgewandert waren…
Ich freue mich jedes Mal riesig über jeden neuen Knochenfund und jede neue DNA- Analyse aus Afrika, weil ich mir dann immer denke: Weiß der Gauland von der AfD eigentlich auch, dass er Afrikaner ist?! (lacht). Das begeistert mich eben, wenn ich weiß, woher wir alle kommen. Und um genau diese humanistische Botschaft geht es mir auch in »Eldorado«. Die Leute hier haben ja im Grunde auch besonders große Angst vor dem »Parzivalhaften« dieser Menschen und ihrer extremen Abenteuersuche, weil sie bereit sind, aufzubrechen und wirklich alles hinter sich zu lassen! Und wir hier sind dagegen alle so dermaßen gepampert!

ELDORADO
D 2018 | Regie: Jörg Imhoof | 92 Minuten | Seit 26. April im Kino
Trailer