Das 33. DOK.fest widmet sich dem Sichtbarmachen übersehener Lebenswelten – und thematisiert damit auch seine eigene Position.

»Silvana« | © DOK.fest München

Das Spannende an »The Goddesses of Food« ist: Beinahe jeden Satz dieser sensiblen Dokumentation über Frauen in der Küche kann man auch auf den Dokumentarfilm als Medium beziehen. Es mangele nicht an herausragenden Chefköchinnen, stellt die Regisseurin Vérane Frédiani fest – auf dem Cover großer Magazine aber finde man nur Männer. Dem Dokumentarfilm, der qualitativ so stark ist wie nie und trotzdem nur auf wenigen Litfaßsäulen prangt, geht es ähnlich. Genderfragen sind, genauso wie Genrefragen, heutzutage vor allem ein Wahrnehmungsproblem.

Die Themenreihe des DOK.fest nimmt dieses Jahr deshalb weibliche Lebenswelten in den Blick und präsentiert mit DOK.female sieben Filme über Frauen und ihre Position in der Welt. Festivalleiter Daniel Sponsel ist dabei wichtig, dass diese Beiträge nicht als kalkulierter Kommentar zur #MeTooDebatte wahrgenommen werden, sondern vielmehr grundlegend den Blick ändern wollen, der quasi die gesamte Tradition des Storytelling prägt – das fängt bei Märchen an und endet eben auch beim Dokumentarfilm nicht, in dem immer noch tendenziell mehr männliche Heldengeschichten erzählt werden als weibliche. Auch die Filme aus dem diesjährigen Gastland USA laufen deshalb unter dem Motto »Beyond Trump« und widmen sich statt dem medienwirksamen Präsidenten-Faszinosum dem alltäglichen Amerika und seinen Menschen: »Land of the Free« etwa geht mit dem amerikanischen Rechtssystem ins Gericht, das statt auf Prävention und Rehabilitation auf Bestrafung setzt, »On a Knife Edge« begleitet einen jungen Lakota, dessen Leben im Reservat von Drogen und Rassismus geprägt ist. »Es geht um einen Blick hinter die Kulissen, der jetzt umso wichtiger ist«, so Sponsel. Denn so unterschiedlich die Filme sind: Sie alle schenken Randfiguren besondere Aufmerksamkeit und rücken die ins Blickfeld, die schnell übersehen werden – obwohl sie eigentlich schon immer da gewesen sind, mitten unter uns leben.

Den wortwörtlich unter uns Lebenden widmet sich auch in herrlich morbider Art die BR-Dokumentarserie »früher oder später«, die in Kooperation mit der Hochschule für Film und Fernsehen entstand und im deutschen Wettbewerb läuft: Die Regisseurin Pauline Roenneberg begleitet darin zwei Landwirte, die sich als Bestatter ein zweites Standbein aufbauen, und zeigt damit nicht nur, wie das Geschäft mit dem Tod ein Dorf in der Oberpfalz verändert, sondern beweist auch mit viel Mut und Feingefühl, welche Möglichkeiten das dokumentarische Erzählen heute hat. Die Serie schöpft aus der ganzen Bandbreite fiktionalen Erzählens, hat Figuren mit einem unglaublichen Entwicklungspotential, das über die je 30-minütigen Folgen hinausreicht und eine Montagedichte, die »früher oder später« eben nicht nur als Dokument zeitlicher Umwälzungen auszeichnet, sondern vor allem auch als ästhetisches Kunstwerk. »Viele Spielfilme verwenden heutzutage bewusst Strategien des Dokumentarfilms«, erzählt Daniel Sponsel – »und umgekehrt arbeitet das dokumentarische Storytelling mit Anleihen aus dem fiktionalen Erzählen«. Auch der Film »Genesis 2.0« des oscarnominierten Schweizer Regisseurs Christian Frei zum Beispiel, der ebenfalls in der Reihe DOK.deutsch laufen wird, ist narrativ stark zugespitzt und steht in seiner visuellen Bildkraft einem Blockbuster in nichts nach. Die Beiträge zeigen: Der Dokumentarfilm ist längst nicht mehr die brave Schwester des Spielfilms, die sich als Sklavin ihres erzieherischen Auftrags einem ästhetisch wenig ansprechenden Dasein ergibt, sondern kann Geschichten im großen Stil erzählen.

Genau deshalb gibt es dieses Jahr auf dem DOK.fest erstmals die Aktion »Ganz großes Kino!«: Zusätzlich zum Eröffnungsabend werden an fünf weiteren Abenden insgesamt neun Filme, allesamt Deutschland- oder sogar Weltpremieren, im Deutschen Theater gezeigt, um dem Dokumentarfilm, der bei vielen großen Filmfestivals wie der Berlinale immer noch ein Schattendasein fristet, die Bühne zu geben, die er verdient. »Genesis 2.0«, der auf dem Sundance Film Festival Premiere hatte, wird dort zum Beispiel auf der großen Leinwand laufen, oder auch »Silvana« und »For in My Way It Lies«, bildgewaltige Porträts bekannter Musiker – Silvana ist eine weltberühmte Rapperin aus Stockholm, Jesper Munk Münchner Shootingstar. »Das zeigt auch, wo der Dokumentarfilm inzwischen angekommen ist«, sagt Daniel Sponsel – mit »Weit« ist der erfolgreichste Arthousefilm des letzten Jahres immerhin ein Dokumentarfilm.

Die Flut an Biopics und Geschichten nach wahrer Begebenheit im Kino bezeugen eine allgemeine Sehnsucht des Publikums nach lebensnahen Stoffen. An Filmen mangelt es nicht, an guten sowieso nicht, und trotzdem hat es der Dokumentarfilm nach wie vor schwer im medialen Wettbewerb. Zu wenig Budget, zu wenig Zeit für die Produktion, kein Geld für effektive Vermarktung, kein Kassenerfolg, zu wenig Budget für das nächste Projekt – daraus entsteht eine Art Teufelskreis, an dem man ablesen kann: Das Problem des Dokumentarfilms ist bei Weitem kein Qualitätsproblem – sondern schlicht ein Sichtbarkeitsproblem. Die Konferenz »Ganz großes Kino?«, die den Abenden im Deutschen Theater mit umgedeutetem Satzzeichen an die Seite gestellt wird, widmet sich deshalb der Kehrseite des Geschäfts: Fachleute von Produktionsleitern über Verleiher bis hin zum Kameramann diskutieren, welchen Herausforderungen der Dokumentarfilm gegenübersteht – und wie man aus dem Fragezeichen endgültig ein Ausrufezeichen machen kann. Mit dem Dokumentarfilm im Kino ist es schließlich wie mit Chefinnen in der Küche: Sie sind bereits da. Man muss nur hingucken. ||

DOK.FEST MÜNCHEN
2.–13. Mai| Programm