Greta Gerwigs »Lady Bird« ist eine bittersüße Ode an die Höhen und Tiefen des Teenagerdaseins.

Saoirse Ronan als Christine und Lady Bird © Universal Pictures

Ach, wie schön sind diese kleinen, harmonischen Momente zwischen Mutter und Tochter. Gerade hat man im Auto das »Früchte des Zorns«-Hörbuch beendet, vergießt ein paar Tränchen und schwelgt noch in der anschließenden Stille. Natürlich ist im nächsten Augenblick wieder alles vorüber, die Tochter will Musik hören, die Mutter noch die Ruhe auf sich wirken lassen. Und schon gehen die Grundsatzdiskussionen wieder los, wer was wie falsch gemacht hat und falsch machen wird. Routine in der Pubertät eben.

Bei der Tochter handelt es sich um Lady Bird (Saoirse Ronan), 17 Jahre alt und in ihrem letzten Jahr auf der katholischen Highschool. Greta Gerwig schafft es in ihrem gleichnamigen Regiedebüt, ein gleichzeitig leichtes und ernst zu nehmendes Bild ihrer Protagonistin und deren Lebensphase zu zeichnen. Auf große Spannungsbögen und Höhepunkte wird bewusst verzichtet, der Film fließt vor dem Zuschauer dahin und lässt ihn ein Stück mit sich treiben. In »Lady Bird« geht es um die wirklich wichtigen Dinge: den besagten Dauerzoff mit der Mutter (Laurie Metcalf), den ersten Freund (Lucas Hedges) und heimliches Hostien-Naschen mit der besten Freundin (Beanie Feldstein) – was in Ordnung ist, solange sie noch nicht geweiht sind. Und über allem steht die Frage, wohin der eigene Weg führen soll. Für Lady Bird – eigentlich heißt sie Christine, aber was bedeutet das schon? – ist das schon ziemlich klar, nämlich weg aus dem öden Sacramento, auf irgendein College, jenseits der Enge. Gerwig wuchs selbst in Sacramento auf, verarbeitet also in ihrer Hauptfigur ein Stück der eigenen Vergangenheit. Ganz nebenbei behandelt der Film das Verhältnis zwischen Herkunft und Identität, stellt Fragen über Selbstverleumdung, Neuerfindung und Heimat.

Trotzdem wird »Lady Bird« zu keinem Zeitpunkt zu kopflastig, sondern bleibt ein unterhaltsamer Coming-of-Age-Film, immer pendelnd zwischen Heiterkeit und Melancholie. Das kommt vor allem daher, dass Gerwig ihre Figuren ernst nimmt, anstatt farblose Schablonen und Klischees über die Leinwand zu jagen. Natürlich greift auch sie auf bestimmte Typen zurück, wie den dauerdüsteren Goth-Stiefbruder (Jordan Rodrigues) oder den übercoolen Pseudorebellen, der seine Zigaretten selbst dreht, um so wenig wie möglich die Wirtschaft zu unterstützen. Man merkt jedoch deutlich, dass Greta Gerwig bei der Gestaltung dieser Figuren mit Herz bei der Sache war. Sie werden nicht zu debilen Knallchargen wie in unzähligen, immer gleichen Teeniekomödien. Im durchwegs guten Ensemble sticht vor allem Laurie Metcalf als strenge Mutter hervor, die Lady Birds eigenbrötlerischem Verhalten mit einer Mischung aus Angst und Wut gegenübersteht.

Dass der Film dann bei den diesjährigen Oscars trotz fünf Nominierungen leer ausging, fällt nicht weiter ins Gewicht. Neben zahlreichen Preisen für Metcalf als Neben- und Saoirse Ronan als Hauptdarstellerin wurde »Lady Bird« von der National Society of Filmcritics ganze vier Mal ausgezeichnet, darunter auch als Bester Film. Den Preis für den besten Teenagerkrisen-Film würde er jedenfalls überall bekommen. ||

LADY BIRD
USA 2017 | Regie: Greta Gerwig | Mit: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf u. a. | 95 Minuten | Kinostart: 19. April
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