Tocotronic werden nostalgisch, und München darf ein wenig mit den Hamburgern schwelgen.

Witz mit Wehmut – Tocotronic| © Michael Petersohn

Wenn Musiker anfangen, Songs über »damals« zu schreiben, kann es oft schlimm werden. Denn die gute alte Nostalgie war schon immer ein wirkungsvoller Auslöser zum Schunkeln und Feuerzeugschwenken. Zu den wenigen Bands, denen man eine musikalisch und textlich gelungene Rückschau zutraut, gehören allerdings die Jungs von Tocotronic, spätestens seit dem im Januar veröffentlichten Album »Die Unendlichkeit«. Das liegt vor allem daran, dass Sänger Dirk von Lowtzow in erster Linie seine eigene Vergangenheit Revue passieren hat lassen. Da geht es um die Konzerte, die man solo in seinem Kinderzimmer gegeben hat (»Electric Guitar«), die Schlachten mit der Engstirnigkeit der anderen (»Hey Du«) und den »Austritt aus der Schwarzwaldhölle« ins flirrende Hamburg (»1993«).

Das Album wird durchzogen von einer Mixtur aus zarter Melancholie und jugendlicher Aufbruchsstimmung, die doch mehr ans Herz geht als der übliche Vergangenheitspathos. Und auch wenn Dirk von Lowtzow sich schon am Ende seiner Vierziger befindet, wirkt es nicht peinlich. Was dabei nicht fehlen darf, ist natürlich die Tocotronic-typische, intelligente Selbstironie (»Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus / Manic Depression im Elternhaus«).So gesehen war die Musik der Gruppe schon immer ein Stück Selbstanalyse, von den Ausbrüchen der Anfangstage (»Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben«) bis zum angenehm verkopften Indiesound der Gegenwart. Die verträgt man auch oft nur noch mit gut portionierter Ironie. Tocotronic ist aber auch eine Band, die nicht nur nach innen schaut, was ihr politisches Engagement zum Beispiel für »Pro Asyl« zeigt.

Das alles – und ein über zwanzig Jahre anhaltendes, solides Niveau – machen die Hamburger seit jeher zu einer der prägenden deutschen Popgruppen. Und sollten dann im Technikum doch nostalgische Geister Besitz von einem ergreifen, kann man sich ihnen ruhig für einen Moment hingeben. Pure Vernunft darf eben niemals siegen, schon gar nicht bei Tocotronic. ||

TOCOTRONIC
Tonhalle| Grafinger Str. 6 | 12. April| 20 Uhr | Tickets: 089 54818181