Der Münchner Autor Thomas Lang im Gespräch mit Sudabeh Mohafez über ihr neues Buch und über Heimat, Liebe und Gewalt.

Sudabeh Mohafez | © Markus Kirchgessner

»Behalte den Flug im Gedächtnis« ist bereits das siebte Buch, das die deutsche Autorin Sudabeh Mohafez, die 1963 in Teheran geboren wurde, in verschiedenen Verlagen, darunter DuMont und Arche, publiziert hat. Neben Erzählungen hat sie Romane, Gedichte und Theaterstücke verfasst. Sie engagiert sich aktiv für Gewaltprävention und arbeitete als Lektorin, Übersetzerin und Leiterin von Schreibwerkstätten. Nach vielen Jahren in Berlin lebt sie heute in Baden-Württemberg.

Dein jüngstes Buch, »Behalte den Flug im Gedächtnis«, besteht aus recht unterschiedlichen Texten. Wie kam es zu dieser Zusammenstellung?
Es sind Texte, die die Welt gerufen hat. Sie wären mir selbst so nicht gekommen als Themen, aber ich mag sie alle gern und wollte sie gesammelt veröffentlichen.

Es geht um Heimat, um Gewalt, um Liebe. Sind das für dich Lebensthemen?
Heimat ist ein Thema, das häufig nachgefragt wird. Die anderen beiden Themen, Gewalt zwischen sich nahestehenden Menschen und Liebe, sind zentrale Themen für mich. Sie tauchen in all meinen Arbeiten auf.

Warum schreibst du von Heimaten?
Heimat im Singular wäre mir zu klein. Wir stammen alle aus sehr viel mehr als nur aus Einem. Ich bewege mich ganz selbstverständlich in einer Weite; das wünsche ich mir auch für andere Menschen. Es ist traurig, wenn das durch unsere Art, mit uns selbst, der Welt und unserer Sprache umzugehen, aus dem Blick gerät. Zurzeit ist es in Deutschland sehr wichtig, daran wieder zu erinnern.

Deine Erzählungen spielen in Deutschland und im Iran. Dabei erzählst du über beide Orte in der gleichen Art. Warum erklärst du einem deutschsprachigen Lesepublikum das vielen unbekannte Land nicht?
Ich fühle mich nicht als Erklärerin irgendeines Landes. Ich lade den Leser und die Leserin ein zu schauen: Wie sieht die Welt aus, wenn es viele bekannte Kulturen gibt, wenn ich mich darin natürlich bewege. Mehrkulturalität wird oft missverstanden, als befände man sich zwischen etwas. Das ist aus meiner Erfahrung gar nicht so, vielmehr ist es die Gleichzeitigkeit von Zugehörigkeiten. Botschafterin des Iran möchte ich nicht sein und könnte es auch nicht – ich war seit 40 Jahren nicht mehr dort. Aber ich bringe ein großes Wissen mit über die Selbstverständlichkeit von Mehrsprachigkeit oder davon, wie mühelos sich Dinge, die sich in einer monokulturellen Wahrnehmung ausschließen, gar nicht ausschließen müssen. Ich will auch nicht ethnobiografisch schreiben. Da hätte ich das Gefühl, ich verrate alles, woran ich glaube. Ich fände es sehr schwierig, meine Gedanken und Worte richtig verstanden zu wissen bei einem Publikum oder in einem Betrieb, der immer dieses exotistische Hören mitbringt und mich dabei in meine Fremde verweist.

Die Titelgeschichte ist ein sehr kurzer, lyrischer Text. Worum geht es darin?
Beim Titel handelt es sich um ein Zitat der persischen Autorin Forough Farrokhzad. »Behalte den Flug im Gedächtnis, der Vogel ist sterblich.« – Die Dinge bleiben nicht bei uns, deshalb sollen wir die Lebendigkeit im Gedächtnis bewahren. Es geht in dem Text um zwei Dinge, zum einen den Abschied, den Tag, an dem ich aus dem Iran nach Deutschland kam. Ich kann mich an diesen Tag faktisch kaum erinnern. Das ist schon krass, es lässt darauf schließen, dass das in irgendeiner Weise traumatisch war. Es gibt also diese Leerstelle, und es gibt ein Davor und ein Danach. Zum anderen handelt dieser Text von Liebe. Ich bin in der Liebe beheimatet und fühle mich wahnsinnig exiliert, wenn ich nicht in der Liebe bin.

Diese Zeile bildet auch den Titel deines Buches …
Ich würde immer sagen: Das Leben liegt in der Liebe. Wenn du liebst, hältst du nicht fest. In dem Moment, wo wir festhalten, hören wir auf zu lieben. Für mich bedeutet das einen Heimatverlust. Ein festes Konzept zu haben von dem, was Heimat ist, was Deutschland oder was Iran ist, würde mich davon entfernen. Es geht um das Mitgehen mit den Dingen oder mit dem Leben – mit sich selbst mitgehen, sich selbst lieben. Die Hände öffnen, loslassen. Das ist anstrengend, aber ich glaube, die Dinge bleiben noch am ehesten bei uns, wenn wir zulassen, dass sie auch verloren gehen können.

Warum handelt ein Teil der Geschichten von häuslicher Gewalt?
Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Jungen ist immer noch ein machtvolles Vehikel, um die Ungleichheit zwischen den – übrigens vielen – Geschlechtern aufrechtzuerhalten. Es geht darum, was wir unseren Kindern vorleben, auch was Frauen ihren Kindern vorleben, die sich misshandeln lassen. Wie in meiner Geschichte, in der die Frau aus der leeren Wohnung auszieht und sich vorwirft, wie lange sie gebraucht hat! Ich finde es wichtig, über diese Dinge zu schreiben und die Fragen, die sie aufwerfen, immer wieder zu stellen. Es ist wichtiger, als immer Antworten zu geben. Wir sollten auch in Deutschland viel mehr über diese Themen sprechen. Es ist mir ein großes Anliegen, nicht zuletzt um unserer Söhne willen. Die werden ebenso Opfer von Misshandlung und sexuellem Missbrauch. Indem wir die gewalttätige Form des Miteinanders immer weiter zulassen, bringen wir unseren Söhnen bei, dass sie genauso werden sollen, und zeigen ihnen nicht, wie toll es ist, wenn sie das nicht werden, und wer sie noch alles sein könnten.

Der dritte Teil deines Erzählbandes trägt den Titel »Rückkehr in die Liebe«. Was meinst du damit?
Wir alle sind irgendwann aus der Liebe rausgefallen, wenn wir Pech hatten schon als Kinder, weil wir Eltern hatten, die uns nicht lieben konnten. Je jünger wir sind, desto existenzieller sind wir bedroht. Mit dieser Erfahrung ist es schwierig wieder in die Liebe zurückzufinden. Man darf den Glauben daran nicht verlieren, dass Liebe trotzdem möglich ist. Wahrscheinlich muss man Liebe immer wieder neu für sich lernen. Und es ist wichtig, nicht aufzuhören, auch wenn wir immer wieder einmal aus der Liebe rausfallen, sich immer wieder aufzumachen, zurück an einen Ort, der Geborgenheit und Nähe möglich macht – ohne Gewalt und ohne Verletzungen. ||

SUDABEH MOHAFEZ: BEHALTE DEN FLUG IM GEDÄCHTNIS
edition Azur, 2018 | 128 Seiten | 17,90 Euro