Nach ihrem fulminanten Spielfilmdebüt »Almanya – Willkommen in Deutschland« haben die Şamdereli-Schwestern ins Dokufach gewechselt. Kein leichtes Unterfangen, wie insbesondere Yasemin freimütig zugibt.

Yasemin und Nesrin Samdereli © Concorde Filmverleih GmbH

Satte sieben Jahre ist es her, dass die Drehbuch schreibenden und Regie führenden Schwestern Yasemin und Nesrin Şamdereli mit ihrem Spielfilmerstling »Almanya – Willkommen in Deutschland« einen Überraschungserfolg in den deutschen Kinos landen konnten. Ihre charmante Multikultikomödie erreichte nicht nur ein Millionenpublikum, sie wurde auch mit zahlreichen Preisen dekoriert. Im Prinzip also ideale Voraussetzungen, um gleich den nächsten Hit nachzulegen. Doch die beiden aus Dortmund stammenden Geschwister mit türkischen Wurzeln kümmerten sich erst einmal um andere Dinge – wie Yasemin erläutert: »Auch wenn es nicht so wirkt, waren wir nach ›Almanya – Willkommen in Deutschland‹ doch relativ effektiv. Wir haben eine kleine Produktionsfirma gegründet, um die Projekte realisieren zu können, die wir wirklich machen wollen. Und dann haben wir noch zwei Kinder bekommen, also jede eines (lacht). Außerdem haben wir für ›Die Nacht der Nächte‹ sehr lange recherchiert. Dadurch, dass wir mit vier Paaren aus vier Kulturkreisen gearbeitet haben, wurde es doch recht aufwendig.«

In »Die Nacht der Nächte«, in dem betagte Menschen mit großer Offenheit über ihr (Liebes-)Leben sprechen, kann man vieles entdecken, was bereits »Almanya« ausgezeichnet hat. So geht es einmal mehr um unterschiedliche Mentalitäten und Kulturen, das Ganze ist mit einem besonders liebevollen, feinsinnigen Humor aufbereitet, und das Authentische, das Wahrhaftige steht stets im Vordergrund. Das war auch von Anfang an das Konzept dieses Dokumentarfilms, so Yasemin Şamdereli: »Wir haben immer versucht, sehr ehrlich zu sein, und ich habe auch von Anfang an gesagt, dass es sehr wichtig ist, ehrlich zu sein in dem Moment, in dem man vor die Kamera tritt. Da ging es nicht darum, jemanden zu etwas zu zwingen. Ich habe den Paaren vielmehr Mut zugesprochen und versucht zu erklären, dass es ein großes Geschenk ist, wenn man vor der Kamera so ehrlich wie möglich aus sich heraus spricht.«

Die Şamderelis – Nesrin hat an der Berliner dffb, Yasemin an der Münchner HFF studiert – kommen beide vom Spielfilm. Eine Dokumentation hatten sie bis dato noch nicht realisiert. Deshalb waren sie durchaus etwas überrascht, dass diese Art des Filmemachens doch ganz anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Besonders Yasemin tat sich damit schwer, wie sie freimütig zugibt: »Ich finde es wunderbar, dass wir diesen Film machen durften. Aber ich bin schon jemand, der das Konzeptionelle mag. Das hat viel mit Kontrolle zu tun. Deshalb hat mich die Dokumentation auch sehr viel Kraft gekostet, weil ich hier nicht richtig kontrollieren konnte. Ich habe also schnell gemerkt, dass Loslassen nicht unbedingt in meiner Natur liegt.«

So ist es nicht verwunderlich, dass das kommende Projekt des Filme machenden Geschwistergespanns erneut ein fiktionales ist. Allerdings basiert es – natürlich, möchte man fast sagen – auf einer wahren Geschichte, die der italienische Schriftsteller Giuseppe Catozzella unter dem Titel »Mit Träumen im Herzen« zu Papier gebracht hat. Darin geht es, so Yasemin, »um die junge Leichtathletin Samia, die 2006 bei Olympia in Peking für Somalia gestartet ist. Sie kam aus ganz schwierigen Verhältnissen und war eine begnadete Läuferin, die versucht hat, an ihrem Traum festzuhalten. Aber Samia wurde mit der knallharten Realität eines Landes konfrontiert, in dem Bürgerkrieg herrscht, die Fundamentalisten immer mehr an Macht gewinnen und Frauen plötzlich Burka tragen müssen.« Das Drehbuch zu »Samia«, so auch der Filmtitel, wird vom FilmFernsehFonds Bayern gefördert, auch ein italienischer Koproduzent ist bereits mit an Bord. Yasemin und Nesrin sitzen gerade am Skript, es wird also dieses Mal nicht wieder sieben Jahre dauern, bis wir etwas von den talentierten Şamdereli-Sisters auf der Leinwand zu sehen bekommen. ||

DIE NACHT DER NÄCHTE
Dokumentarfilm | Deutschland 2017| Regie: Yasemin Şamdereli, Nesrin Şamdereli | 97 Minuten | Kinostart: 5. April
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