Joan Baez, ein letztes Mal auf Tour. Ein Abschied mit Wehmut.

Joan Baez| © Dana Tynan

Als Sie 1973 zum ersten Mal durch Europa tourten, war das dem FBI einen Bericht über Sie Wert. Glauben Sie, Ihre aktuelle Tour wird noch immer vom amerikanischen Geheimdienst begleitet?
(lacht) Woher wissen sie das denn? Aber es stimmt. Und heute? Nun, ich vermute eher nicht! Ich habe vor einiger Zeit erstmals Fotos von dieser Tour gesehen. Wunderbar, das wiederzusehen!

»Whistle Down The Wind« ist Ihr letztes Studioalbum. Was für ein Gefühl ist das, wenn man mit so einem Entschluss an die Aufnahmen herangeht?
Ein sehr sentimentales Gefühl, das ich anfangs auch mit ins Studio trug. Das wurde natürlich noch verstärkt, weil ich parallel meine letzte Tournee vorbereitete. Der einzige Plan war, dass dieses Album einen Bezug zu meinem ersten Debüt (von 1963) herstellt. Damit sollte sich der Kreis schließen. Ich hoffe, ich habe das geschafft, ein stimmungsvolles Album mit Folksongs, Balladen und Liedern mit aktuellen Themen hinzubekommen.

»The President Sang Amazing Grace« handelt davon, wie Präsident Obama nach der Bluttat von Charleston das Kirchenlied singt. Sie hat diese Geste sehr berührt.
Richtig. Es ist ein düsterer Song, aber auch wunderschön. Er zeigt mir vor allem wie kalt und abstoßend es heute im Weißen Haus zugeht. Alles, was heute von unserer Regierung kommt, ist bösartig. Auch wenn Obama seine Fehler hatte und Entscheidungen traf, die mir nicht gefielen, war er ein achtsamer Mensch. Und die Geste, dass er nach Charleston kam und sang – kein anderer Präsident hätte das getan – , es war eine wundervolle Geste. Sie kam von Herzen. Obama fehlten die Worte. Also sang er das Kirchenlied. Das passte perfekt.

Sie sind in den sechziger Jahren an vorderster Front der Civil-Rights-Bewegung marschiert. Wünschen Sie sich heute einen ähnlichen Ungehorsam gegen Präsident Trump?
Wenn wir diesen zivilen Ungehorsam nicht formulieren und demonstrieren würden, würden wir recht schnell ein faschistisches Land. Wir stehen ja schon kurz davor. Man liest heute sowohl von Konservativen wie dem Journalisten George Will als auch von Linksliberalen wie dem Regisseur Michael Moore bezeichnenderweise genau das Gleiche: Die amerikanischen Bürger müssen ihren Hintern hochkriegen, zum Weißen Haus marschieren und ihren Willen kundtun. Denn was wir erleben, erinnert stark an Hitler. Doch während es Hitler um Macht ging, geht es der Regierung Trump um Geld. Um nichts anderes. Ich habe viele liberale Freunde, die sich fragen, wann wir wieder Licht am Ende des Tunnels sehen werden. Doch es wird dieses Licht nicht geben, denn dieser Mann besitzt keinerlei Empathie. Er kümmert sich nur um sich selbst und sein Geld. Dafür lügt er ununterbrochen. Und es gibt viele Menschen, die ihm das sogar glauben!

In den sechziger Jahren trieb der politische Protest viele Musiker an. Sehen Sie aktuell junge Songwriter in dieser Tradition?
Es gibt einige. Die Schwierigkeit ist, dass sie kaum Gehör finden. Es ist etwas einfacher geworden, durch das Internet. Der wichtigste Aspekt ist Talent, der zweite der Charakter. Beides gab es unter den Songwritern meiner Generation im Überfluss. Aber ich sehe, dass es auch heute eine Menge engagierter Songwriter gibt. Doch anstatt sich zurückzubesinnen, müssen sie etwas schaffen, das ins Hier und Heute passt. Was ihnen fehlt, ist eine Hymne, ein Song, der alle eint und führt. Die Leute bräuchten ein neues »Blowin’ In TheWind«. Aber eine Hymne zu schreiben ist das schwierigste. Ich würd’s nicht mal versuchen! (lacht)

Sie sagen, ein Grund, warum Sie keine Lieder mehr schreiben und auf Tour gehen, läge an ihrer tieferen Stimmlage. Wäre die nicht gerade ein Ausgangspunkt für neue Projekte?
Wenn es ein Projekt wäre, das mein Interesse weckt, warum nicht? Ich würde es versuchen. Aber meine Stimme hat sich nun mal verändert, das bringt eben das Alter mit sich. Ich will aber vor allem keine langen Tourneen mehr spielen. Ich steige jetzt zum letzten Mal in einen Bus und reise sechs Wochen durch Amerika, danach durch Europa und stehe fast jeden Abend anderthalb Stunden auf der Bühne. Das will ich mir nicht mehr antun.

Was müssen wir noch über Joan Baez wissen, um ihre Musik besser zu verstehen?
Vielleicht, dass ich Humor besitze? Es ist wichtig, dass die Menschen lachen! Humor ist auch bei politischen Liedern nicht deplatziert. Es ist schade, dass die Menschen nie erfahren werden, welchen grandiosen Humor Martin Luther King besaß. Er hat diese Seite von sich nie nach außen gezeigt, weil er nicht wollte, dass die Leute denken könnten, er und seine Ideen seien in irgendeiner Weise unseriös. Privat war er jedoch der witzigste Mensch, den ich kannte.

Nehmen sie Ihr Markenzeichen, Ihre 1929er Martin-Gitarre mit auf Tour?
Nein, ich nehme sie nicht mehr mit auf Reisen. Sie ist grazil wie eine Feder. Sie ist ein Schatz. Und ich behandle sie auch so. Dieses Album habe ich noch auf ihr eingespielt. Ich buchte ihr den Sitz neben mir auf dem Flug ins Studio. Ich kann nur sagen, dass es ein einmaliges Instrument ist, das jetzt Ruhe verdient.

Stimmt eigentlich das Gerücht …
(lacht) Es stimmt!

… dass bei einer früheren Reparatur der Gitarrentechniker im Inneren des Korpus eine Notiz mit Bleistift versteckt hat: »Too bad, that you’re a communist!«
Tja, diese Geschichte ist besser als alles, was man über mich erfinden könnte, oder? Diesem Typ war es offensichtlich egal, ob ich Kommunistin war, denn er wollte ja Geld mit der Reparatur verdienen. Und er hat einen ordentlichen Job gemacht. Aber offensichtlich konnte er nicht widerstehen, eine kleine Botschaft zu hinterlassen.

Kommt zum Abschied Wehmut bei Ihnen auf?
Bis jetzt nicht. Aber das kann gut sein, während der Tour. Momentan bin ich ganz freudig, was auch immer mich erwarten wird. Ich habe ja noch nie eine Abschiedstour gespielt! (lacht) Es wird wehtun, wenn das letzte Konzert gespielt ist. Das ist mir klar. Konzerte waren ein wichtiger Teil meines Lebens. Und all die Orte, an denen ich jetzt noch einmal spielen werde, werden mir hoffentlich das Gefühl geben, dass ich damit ein Kapitel beschließe. Und das ist richtig so.

Sie als Rentnerin – schwer vorstellbar. Wie sieht Ihre Lebensplanung aus?
Ich lasse das auf mich zukommen. Letzte Woche war ich in Washington und habe vor Senatsmitgliedern »Deportee« gesungen. Ein Autor hat kürzlich ein Buch über all die namenlosen Todesopfer an der amerikanischmexikanischen Grenze geschrieben, die in den Zeitungen nur »Deportees« genannt werden. Der Mann hat 30 Jahre seines Lebens recherchiert, um all die Menschen zu identifizieren und deren Familien zu kontaktieren, um den Namenlosen einen Namen zu geben. Für solche Events werde ich immer singen. Dafür bin ich hier. Ansonsten werde ich in meinem Baumhaus sitzen und malen. ||

JOAN BAEZ
Philharmonie| 26. März| 20 Uhr
Tickets: 089 54818181