Wie Aufklärung zwischen Menschenverachtung und Opportunismus zerrieben wird, zeigt Mateja Koležnik in ihrer klug distanzierten Inszenierung von Ibsens »Ein Volksfeind«.

Zu Beginn scheint alles glasklar. So wie die Wände, die den schmalen dunklen Kubus umschließen, der da umzäunt von einem Käfig aus Neonstäben wie ein Versuchslabor um die eigene Achse kreiselt: ein Gesellschaftskosmos im Reagenzglas, hermetisch abgeschlossen mit all seinen gegenläufigen Interessen, aus dem es bis zuletzt kein Entkommen gibt. Untersuchungen haben ergeben, dass das Wasser der neuen Badeanstalt durch Industrieabfälle verseucht ist. Tomas Stockmann, Arzt und Initiator des Kurbetriebs in seiner Heimatstadt, hat sie in Auftrag gegeben und will nun sofort die Öffentlichkeit informieren. Doch sein Bruder, der Bürgermeister, hält dagegen: Die Sanierungsmaßnahmen seien zu teuer, und die Stilllegung des Bades würde den Ruin für die gesamte Bürgerschaft bedeuten. Dabei liegt die Fäulnis, die die kleine Welt des Badeorts zersetzt, in den Augen Tomas Stockmanns vor allem auch in der »kompakten Mehrheit« aus »Dummheit, Armut und Hässlichkeit«, gegen die er sich auf einer von ihm selbst einberufenen Bürgerversammlung in fanatischen Säuberungsfantasien ergeht, bis die beschimpfte Menge ihn zum »Volksfeind« erklärt.

Henrik Ibsen beschreibt in seinem Ökothriller aus dem Jahr 1883 nicht nur die Mechanismen der Vertuschung eines Umweltskandals, wie sie sich seither unzählige Male wiederholt haben, sondern auch das mentale Umkippen eines unerschrockenen Wahrheitsverfechters zum elitären Menschenverächter. Im Residenztheater hat die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik die psychologisch-politische Gemengelage mit klug analysierendem Blick und ohne vordergründige Aktualisierung unter die Lupe genommen und einen starken Schauspielabend daraus gemacht. Auch diesmal, wie schon bei ihren früheren Münchner Inszenierungen »Ödipus« und »Tartuffe«, findet Koležnik zusammen mit ihrem Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt den Zugang zum Plot über die Hintertür. Auf dem schmalen umlaufenden Gang zwischen Glasfront und dem innerem Gehäuse mit drei Türen belauschen und bedrängen sich die Akteure, von Alan Hranitelj in zeitlos elegantes Grau
gekleidet, begegnen sich scheinbar beiläufig oder nehmen einander gezielt in die Zange. Thomas Schmauser spielt Stockmann anfangs sachlich, zupackend und mit verständlicher Ungeduld angesichts der akuten Gefahr. Nur der scharfe Ton gegenüber den Kindern, den seine ängstlich-loyale Frau Katrine (Katharina Pichler) mitunter anschlägt, deutet an, dass auch im Hause Stockmann ein patriarchaler Profilneurotiker herrscht, dem allenfalls die als Lehrerin engagierte Tochter (Lilith Häßle) Paroli bieten kann. Bruder Peter (Thomas Huber) zeigt Nerven, sobald jemand seine Autorität angreift, während die ambitionierten Vertreter der Lokalpresse (Till Firit, Thomas Gräßle und Thomas Lettow) ihrerseits vor den materiellen Interessen der Leserschaft einknicken.

Auch wenn das durch einen zentralen Lautsprecher aus dem Glaskasten übertragene Stimmengewirr den einzelnen Sprechern mitunter schwer zuzuordnen ist, schraubt sich die Spannung hoch bis zum Wendepunkt der großen Versammlung, bei der der Zynismus versprühende »Volksfeind« vom aufgestachelten Volkszorn beinah zertrampelt wird. Doch selbst da lässt Schmauser seinen Stockmann nicht komplett entgleisen, sondern balanciert ihn trotzig schillernd bis ins offene Ende, das er sich als eine Art Diktatur der Wahrheit erträumt, während die eigenen Kinder mit den giftigen Wasserproben spielen – auch keine beruhigende Alternative zum grassierenden Weiter-so. ||

EIN VOLKSFEIND
Residenztheater| 25. März, 2. April| 19 Uhr
19. April| 20.30 Uhr | 24. April| 20 Uhr
Tickets: 08921851940