»Der Balkon« von Jean Genet: Ivica Buljan inszeniert den Verfall der Illusionen.

Carmen (Cynthia Micas) und Roger (Marko Mandic) im Verhau der Illusionen | ©Konrad Fersterer

Ach, wie fühlen sie sich groß! Im Bischofs-Ornat, in Richter-Robe und Generals-Uniform schreien brave Bürger hysterisch ihre Obsessionen und Machtgelüste heraus. Madame Irma stellt im Haus der Illusionen dafür alles zur Verfügung. Wie ihr Bordell heißt Jean Genets Stück »Der Balkon«, es wurde 1956 in Frankreich verboten und 1957 von Peter Zadek in London uraufgeführt. Im Marstall inszenierte es der slowenische Regisseur Ivica Buljan, der am Resi 2016 Pasolinis »Der Schweinestall« herausbrachte – mit echten Schweinen. Statt Plüsch-Luxus baute der Castorf-Bühnenbildner Aleksandar Denic eine schäbig-verhaute Wand aus Kühlschränken und Getränkekisten. Mal öffnet sich unten ein Durchgang, mal schlägt jemand oben Löcher für einen Auftritt – am Ende bleibt ein Hakenkreuz als Menetekel. Auf den Straßen tobt ein Aufstand, man hört Gewehrsalven und Detonationen. Madame Irma sorgt sich um ihren Geliebten, den Polizeipräsidenten. Im Puff spiegelt Genet die Gesellschaft: Kirche, Justiz und Militär, die Polizei als Exekutive.

Ivica Buljan entfesselt mit einem tollen Ensemble eine zunehmend wildere Orgie. Alle Schauspieler sind zusammen auch eine fabelhafte Band, die Genet-Gedichte zu empfindsamem Jazz oder punkigem Rock singt. Der lange erste Teil gehört den Illusions-Ritualen. Der Bischof (Christian Erdt) kreischt in Ekstase, der Richter (Philip Dechamps) leckt die Stiefel der Hure (in allen Rollen großartig: Mathilde Bundschuh). Der Scherge Arthur ist Irmas Mann für alles: Tim Werths spielt auch den in seine Stute verliebten General und steigt virtuos als Gorilla-Zitat aus dem Film »The Square« im Publikum umher. Und Juliane Köhlers fulminante Irma dirigiert alles mit bravouröser Souveränität, lässig und schamlos, herrschaftlich und vulgär.

Der wahre Regie-Furor bricht aus, als die Revolution mit dem Klempner Roger einbricht: Marko Mandi tobt splitternackt durchs Publikum (ein nacktes Gesäß oder Gemächt im Gesicht mag nicht jeder Zuschauer) und will die Nutte Chantal, die er liebt, vögeln. Chantal (Cynthia Micas spielt hervorragend auch Irmas Vertraute Carmen) wird zur Ikone und Märtyrerin der Revolution. Vorher rast Mandinackt in die Kälte, zerrt das Publikum mit auf den Platz, entzündet eine Öltonne, singt auf Slowenisch die »Internationale« und klettert die Marstallwand hoch, wo oben im Fenster Irma und ihre Kunden als Doubles der getöteten Machthaber stehen. Mit diesem Coup hat der Polizeipräsident (hochemotional: Nils Strunk) die Revolution erledigt. Alles bleibt wie gehabt, doch die verschrottete, gerettete Ordnung ist ein Riesen-Fake, eine Illusion.

Im zweiten Teil geht es um die eigentliche Frage nach wahrer und angemaßter Macht. Die Doubles wollen ihre Bordell-Fantasien nicht verwirklichen oder gar Verantwortung übernehmen. Die Macht-Diskussion zerfasert: Erst nach dreieinhalb Stunden erfüllt sich der Traum des Polizeipräsidenten, selbst Vorbild einer Fantasie zu werden. Das Bild im öffentlichen Gedächtnis ist alles, die Politik nur ein allzu blutiger Witz. ||

DER BALKON
Marstall| 25. März, 4., 24. April| 19 Uhr
Tickets: 08921851940