Das Kultformat »Minutemade« am Gärtnerplatz geht in die nächste Runde – vielleicht wieder mit Freibier.

David Valencia, Vanessa Shield und Luca Seixas im ersten Akt von »Minutemade«, choreografiert von Daniela Bendini und Moritz Ostruschnjak | © Marie-Laure Briane

Jeder weiß das: Eine schwungvoll in Angriff genommene Tätigkeit, ob künstlerisch oderalltäglich banal, gelingt oft besser als langes Vorabbrüten und gedankenschweres Herumpuzzeln. Von daher füllte Karl Alfred Schreiners Idee einer Schnellfeuer-Choreografie geradezu eine kreative Lücke. Und die »Minutemade« getaufte Unternehmung, praktischerweise auch noch zu Sparbudget, die Tanzchef Schreiner 2013 mit seinem Münchner Gärtnerplatztheater-Ensemble startete, scheint sich als fortdauernd fruchtbar zu erweisen. Die außerplanmäßige Teilnahme beim städtischen Festival Dance im Mai 2017 eingerechnet, ging dieses Fix-und-günstig-Format Anfang Dezember 2017 bereits in die sechste Runde. Und der Auftakt mit Akt I, erstmals auf der Probebühne des endlich fertig renovierten Stammhauses, wurde erwartungsgemäß euphorisch gefeiert.

19 Tänzer treiben da aber auch so bewundernswert bewegungsintensiv und vollsehnig über die Bühne, dass man nur applaudieren kann. Noch kurz ein Hinweis zur Struktur: Die Low-Budget-Vorgabe »fünf Tage zur Erarbeitung eines kurzen Stücks, Ausstattung aus dem Fundus« gilt nach wie vor. Zwei Änderungen gibt es jedoch: Die vorgesehenen drei Akte sind nicht mehr an drei aufeinander folgenden Wochenenden zu sehen, sondern – bedingt durch die Disposition des Hauses – in größeren zeitlichen Abständen. Außerdem sind es an einem Abend nicht mehr drei, sondern (eine weitere Einsparung?) nur zwei Choreografen – auch wenn im Dezember bei Akt I noch drei Namen im Programm aufgeführt waren. Denn Daniela Bendini und Moritz Ostruschnjak haben ihren Beitrag gemeinsam erarbeitet.

In düsterem Licht
Ein Schwarm von Tänzern formiert sich aufnachtschattiger Bühne zu einer ineinander verhakten, in sich bewegten Masse von Körpern, die dunklen T-Shirts vom hinteren Saum her kapuzenartig über den Kopf gezogen. Im weiteren Verlauf stiebt das Ensemble mehrmals auseinander, in alle Richtungen der offenen Bühne. Und schwärmt wieder zusammen, zweimal auch in elegant zu Boden schlitterndem Schwung, wo alle wie Herbstblätter in einem Streumuster einen Moment flach am Boden liegen. Es sieht ganz so aus, als ob die beiden das bereits letzten September ebenfalls gemeinsam erarbeitete »Boids« (kurz für »bird-oid-objects«: digitale, vogelähnliche Objekte), eine Arbeit über das Schwarmverhalten von Vögeln, weitergedacht hätten. Ist durchaus legitim.

Das Ballettensemble des Gärtnerplatztheaters in der »Minutemade«-Choreografie von Stijn Celis| © Marie-Laure Briane

Hier entstehen so mit allen 19 Ensemble-Mitgliedern im Einsatz großflächige Wimmelbilder, in denen jeder einzeln für sich tanzt – jeder seinen Körper, Gelenkbarrieren ignorierend, in all seinen Bewegungsmöglichkeiten auskundschaftet. Gelegentlich agieren auf der Bühne nur zwei Tänzer oder eine Handvoll. Dann werden auch wie unterm Brennglas vorgegebene Improvisationsaufgaben ausprobiert: »off-balance«-Figuren zum Beispiel, bei denen der Körper, extreme Gewichtsverlagerung auslotend, bogenförmig nach hinten kippt. Bendini, am Gärtnerplatz Trainingsleiterin und stellvertretende Tanzdirektorin, und der in München basierte freischaffende Ostruschnjak haben beide breite Tanz- und Choreografie-Erfahrung. Und ihr ununterbrochen sich fortspinnendes Bewegungsgemälde, getragen von weich pulsierenden Rhythmen und wolkig brausenden Soundgebilden ist sauber choreografiert – behaust jedoch keine Gefühle. Beschert unseren Spiegelneuronen keinerlei Glückserlebnis.

Muss auch nicht. Kunst darf durchaus anstrengend sein. Dieses rein formale Tanzstück ist so etwas wie ein Pendant zu abstrakter Malerei. Man nimmt die Tänzer auch kaum in ihrer Persönlichkeit war, sondern als (Körper-)Objekte, die zu immer neuen grafischen Mustern im Raum arrangiert werden. Unweigerlich wird das Zuschauen zum optisch-intellektuellen Vorgang. Und man dechiffriert, zum Beispiel, dieses Perpetuum mobile von unablässig in Gang gebrachten Körpern als Spiegel einer unablässig aktionistisch aufgerührten urbanen Gesellschaft, jeder Einzelne autistisch um sich selbst kreisend. Der zweite Choreograf des Abends war der Belgier Stijn Celis. Nach einer abwechslungsreichen Tänzerlaufbahn zwischen dem Königlichen Ballett von Flandern, dem Züricher und Berner Ballett und dem Ballett des Grand Théâtre de Genève studierte er noch Bühnenbild und begann 1993 als Freischaffender zu choreografieren. Außerdem war er drei Jahre Ballettdirektor in Bern und ist es seit 2014/15 am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken. Mit dessen Ensemble gastiert er Anfang April in München (siehe Seite 15). Ein versierter, ein viel beschäftigter Mann. Und so wirkt denn auch sein Beitrag ein wenig wie nebenbei aus dem Ärmel geschüttelt. Zugegeben: Vielleicht war einfach unser Aufmerksamkeitspotenzial erschöpft. Was aber auch gute Gründe hat. Die beiden »Minutemade«-Stücke gingen, brav gemäß Vorgabe, ohne Pause ineinander über, dies aber im gleichen düsteren Licht; in einem wenn auch nicht identischen, dennoch ähnlich freien Bewegungsidiom; kostümlich unterschieden nur, indem alle die T-Shirts abstreiften und die Damen nun in BH oder Bustier tanzten.

Das war übrigens auch der Winz-Hinweis, dass es ab jetzt mit Celis weiterging: wohl eine Spur weniger abstrakt als bei dem Eingangsstück, da nun in Bewegungsduktus und Präsenz der Tänzer discomäßig erotisch eingefärbt. In Erinnerung sind kleine revuehafte Formationen und auf bewegten Metallfolien verzerrt gespiegelte Tänzerkonturen. Songs von Laurie Anderson legen einen sanften Schmeichelton über Celis’ Arrangements, die sich bald mit Freibier-Angebot zur Mitmach-Hoppelei des sichtlich tanzwilligen Publikums erweitern. Nichts dagegen, wenn einmal als Gag die Rampe als Grenze aufgelöst wird. Es bleibt an diesem Abend jedoch Unbefriedigtheit zurück. So eine Ahnung einer gewissen Ermüdung dieses Formats. Oder vielleicht auch des Veranstalters, der ja die»Minutemade«-Choreografen einlädt. Es fehlte, uns jedenfalls, etwas Freches, etwas Kühnes, ein Risiko – und gerade das ist hier ja erlaubt. Es fehlten insgesamt Kontraste, wie zum Beispiel die farbigen schrägen Tanztheatermomente mit exaltierten Rokoko-Damen, Spiderman und Conchita Wurst der frühen »Minutemade«-Abende. Oder Kontraste, die sich aus frappierenden stilistischen Unterschieden ergeben. So vermittelt Akt I dieses sechsten Durchgangs den Eindruck, dass die Vermeidung von Inhalten, das Sich-Verlassen aufs solide Handwerkliche bei totaler Ausbeutung jeden noch so winzigsten beweglichen Körperteils, streng gesagt, in Zukunft zu einem globalen Stil-Einerlei führen könnte.

Den Akt II am 23. März wird Stijn Celis eröffnen. Ob sein Stück dann auch mit Party und Freibier endet, ist noch nicht bekannt. Anknüpfen muss jedenfalls Damien Jalet. Der 41-jährige belgisch-französische Tänzer, Choreograf, Sänger und Lehrer begann seine Tanzlaufbahn bei Wim Vandekeybus. Er war unter anderem Co-Choreograf bei Sidi Larbi Cherkaouis erstem großen Erfolgsstück »Babel« von 2010, danach auch bei »Bolero«, 2013für das Ballett der Pariser Oper.Jalet kooperiert prinzipiell gerne mit anderen Künstlern und interessiert sich für mythologische Erzählungen. Das klingt vielfältig genug, um doch neugierig auf Akt II zu machen.||

MINUTEMADE – ACT TWOSTIJN CELIS / DAMIEN JALET| 23. März
ACT THREE DAMIEN JALET / MARINA MASCARELL| 20. April
Gärtnerplatztheater,Kleine Bühne | jeweils 21 Uhr