Optisch ein Genuss: Christian Spucks »Anna Karenina« beim Bayerischen Staatsballett.

Das Ehepaar Karenin: Ksenia Ryzhkova und Erik Murzagaliyev| © Wilfried Hösl

Niemand, der während Ballettabenden im Foyer des Münchner Nationaltheaters flaniert, wird daran zweifeln, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Im teuren Herzen der Stadt hört man so viel Russisch wie sonst in der Republik nur auf den Straßen Berlins. Seit dem Amtsantritt von Igor Zelensky etablierte sich vor und auf der Bühne ein Hotspot für »Russianness«. Nach der Sowjetreprise mit »Spartakus« (1968) zum Auftakt der vergangenen Saison griff das Bayerische Staatsballett mit der ersten Premiere dieser Spielzeit auf einen russischen Klassiker zurück, auf Tolstois Roman »Anna Karenina« in der Choreografie, die Christian Spuck 2014 für seine Zürcher Kompanie kreiert hat.

Gleich das erste Bild ist ein Hingucker, edel ausstaffierte Damen und Herren der Gesellschaft. Zwei schüttere Kronleuchter im Hintergrund. Heller leuchten die Birken in der Bühnentiefe und an der Rampe, denn man weiß ja, »der Russe ist einer, der Birken liebt«. Aber kein Ästchen ragt aus diesen kahlen Stämmen, längst gibt es kein Büschel mehr, das als vitalisierender Badequast taugen würde. Jörg Zielinski und Christian Spuck beginnen ihre Erzählung mit einem düsteren Tableau, einem visuellen Pendant zu den berühmten Anfangssätzen, mit denen Tolstoi 1878 seinen dickleibigen Gesellschaftsroman eröffnet: »Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.« Das Diktum des allwissenden Erzählers situiert seine Figuren in einer von klaren Werten und Normen durchzogenen Welt, in der das Glück berechnet werden kann, weil es ein Konstrukt der Gesellschaft ist. Hier wird die Frau glücklich, die in der Ehe nicht mehr an seelischer und erotischer Erfüllung verlangt, als sie bekommt. Dass dieses Konstrukt Ende der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Krise gerät und mit dem Tod der ehebrecherischen Frau endet, das führt »Anna Karenina« vor, ein Teil des europäischen Dreigestirns aus Flauberts »Madame Bovary« (1857) und »Effi Briest« (1894) von Fontane, der es auch anders probiert hatte: In seinem 14 Jahre zuvor publizierten Berliner Gesellschaftsroman »L’Adultera« lässt er die Frau glücklich werden, die sich für Freiheit und Selbstbestimmung entschieden hat.

Wo Krisensymptome, wie in »Anna Karenina«, so hart bestraft werden, da ist die Kritik an diesen Verhältnissen subkutan präsent. Spuck lässt dies anklingen, indem er vorführt, wie die Damen und Herren der Gesellschaft – gemäß den Gesetzen der Doppelmoral – nur dann negativ auf die Normübertretung reagieren, wenn diese offensichtlich wird. Dass Fürst Stepan Oblonski, genannt Stiwa, regelmäßig die Dienstmädchen bespringt, stört niemanden außer seiner Frau. Diese Gesellschaft hüllt Emma Ryott in erlesene Kostüme, die Herren in Frack mit Zylinder, die Damen in raschelnde Kleider, tailliert und mit angedeuteter Tournüre; die älteren leuchten in Beerenfarben, die jüngeren schimmern in allen Macaron-Tönen, Rosa, Hellblau, Pistazie, Creme, Flieder. Dolly, die traurige Fürstin Oblonskaja, trägt Schlammfarben. Anna Karenina hingegen bevorzugt Rot und Schwarz und Weiß. Nur Kostja vom Land, der dann doch noch mit seiner Kitty glücklich wird, trägt Hemd ohne Kragen. Optisch ist das ein Genuss. Zumal wenig Bühnenaufbau von den Kostümen ablenkt: mobile Podeste arrangieren den Raum immer neu, ein weißer Vorhang, der auf- und zugezogen wird, dient als Projektionsfläche für Fotos und Schwarz-Weiß-Filme von Straßen und vor allem von rollenden Rädern des Dampfzugs, unter dem Anna ihr Ende finden wird.

Spuck zieht die einzelnen Szenen mit Tempo und in großen Zeitsprüngen durch; dank des informativen Programmheftes verheddert man sich nicht in der Abfolge. Mit Zugrattern setzt das Ballett ein (Soundcollagen: Martin Donner). Dann entscheidet sich Spuck für eine klare Zweiteilung, lässt Stücke von Sergej Rachmaninow aufschäumen (Pianist: Adrain Oetiker) und auf subversive Klänge Witold Lutoslawskis treffen; fügt melancholische Lieder von Rachmaninow hinzu, die Alyona Abramova auf der Bühne singt. Diese Zweiteilung setzt Spuck in der Bewegungssprache fort; er choreografiert für die Gruppe und die Protagonisten strenge, nicht weiter aufregende Formen, während Kostjas Schwermut angesichts der kurzzeitigen Zurückweisung Kittys in einem moderneren, fließenden Idiom schwelgen darf. Der jugendliche Liebreiz dieses Paares steht dann auch in starkem Kontrast zu den heruntergekühlten Eheleuten Anna und Karenin sowie Stiwa und Dolly. Männlicher Zugriff, weibliches Entziehen, erneuter männlicher Zugriff, weibliches Winden, schweres Aus- und Einatmen, Kopfwegdrehen und Hand vors Gesicht; das reicht für das verheiratete Unglück. Wer sich versteht, der schwingt im synchronen Schritt; Leidenschaft braucht Anprall, Lifts und Rollen. Und Tolstois Gegenwelt, die Land idylle, symbolisieren hier adrette Burschen, die leicht versetzt und in endloser Variation dengeln und sensen, was das Zeug hält, wobei bisweilen die Reihen verwischen.

Insgesamt aber tanzt die Kompanie mit sehr hoher Präzision und Akkuratesse, die Protagonisten sind über jeden Zweifel erhaben: Ivy Amista als barmend-schöne Leidende, Tigran Mikayelyan als kräftiger, fieser Gatte, Erik Murzagaliyev als kühler Karenin. Jonah Cook gibt mit edler Linie den sensiblen Kostja, Laurretta Summerscales anmutig die Kitty. Der Gast Matthew Golding umgarnt schneidig Ksenia Ryzhkova als Anna, die zu ihrer untadeligen Technik auch noch das Anna-Hathaway-Gen besitzt. Das ist, keine Frage, hohes Niveau. Und doch möchte man beim Zusehen Tolstois Eingangszitat abwandeln: Alle zeitgenössisch arbeitenden Kompanien sind auf ihre Art individuell, alle ultraklassischen gleichen sich. Das Bayerische Staatsballett verwandelt sich auf wundersame Weise in ein eindrucksvolles Museum. Ballett für das 21. Jahrhundert, das unserer Lebenswelt auch nur entfernt gerecht würde, bietet es nicht. Bislang nicht. Denn dann müsste es auch choreografisch solche Chiffren finden wie das Schienenrund von Tracey Emin, das im Programm abgedruckt ist. Der Titel: »It’s Not the Way I Want to Die«. ||

ANNA KARENINA
Nationaltheater| 23. März, 22. April, 10. Mai, 15./30. Juni | Tickets: 08921851920