Josef E. Köpplinger inszeniert »My Fair Lady«. Ein Vergnügen.

Eine feine Gesellschaft (v. l.): Ulrike Dostal (Mrs. Eynsford Hill), Liviu Holender (Freddy Eynsford-Hill), Cornelia Froboess (Mrs. Higgins), Maximilian Berling (Chauffeur), Nadine Zeintl (Eliza Doolittle), Friedrich von Thun (Oberst Pickering) © Marie-Laure Briane

Hat man sich erst daran gewöhnt, dass die Londoner Unterschicht einen schwer verständlichen österreichisch klingenden Dialekt spricht, dann funktioniert Josef E. Köpplingers neue »My Fair Lady«-Inszenierung ausgezeichnet. In August Everdings Vorgängerproduktion von 1984 war es noch der Berliner Jargon, den der Sprachpurist Henry Higgins dem Blumenmädchen Eliza Doolittle austreiben musste. Gesprochen wurde er von Cornelia Froboess, Urberlinerin mit Schlagervergangenheit, die als Gast von den Kammerspielen die sprachliche Wandlung ihrer Figur fein herausarbeitete. Ihr Name ist für das Münchner Publikum noch immer eng mit Frederick Loewes Musicalhit von 1956 verbunden, und so war es ein geschickter Schachzug des Intendanten Köpplinger, sie jetzt als Mrs. Higgins zu besetzen. Bei ihrem Comeback auf der Bühne des Gärtnerplatztheaters wird Froboess mit Szenenapplaus begrüßt, und wenn sie am Schluss Eliza den Rücken stärkt, dann ist das, als erteile sie ihrer Nachfolgerin damit den Segen.

Den hat Nadine Zeintl wahrlich verdient. Sie ist keine Sprachkünstlerin, sie ist eine echte Komödiantin, ein Springteufel, der den steifen Haushalt des Phonetikprofessors gehörig durcheinanderwirbelt. Bei Zeintl kommt alles aus der Bewegung, aus dem Körper, und so ist es weniger die sprachliche als die gestische Metamorphose, die aus dem hibbeligen Blumenmädchen eine echte Lady werden lässt. Angesichts solch körperlicher Präsenz tut sich der elegante Michael Dangl als Higgins anfangs schwer. Und schwer ist die Rolle des Higgins ohnehin. So sehr er die trockenen Pointen auf seiner Seite hat, so wenig sympathisch verhält er sich, wenn er Eliza unterrichtet. Während sie sich zunehmend öffnet, bleibt Higgins distanziert, und trotzdem muss es zwischen beiden funken. Viel Gelegenheit dazu haben sie in diesem Musical allerdings nicht, schon gar keine Musiknummer. Nur im berühmten »Es grünt so grün« singen sie zusammen, und da ist auch noch Oberst Pickering zugegen, jener Wettpartner von Higgins, der sich immer wieder rührend um das vom Professor geplagte Blumenmädchen kümmert.

Friedrich von Thun erfüllt diese löbliche Aufgabe mit fernseherprobtem Charme. Etwas mehr davon hätte auch Dangls Higgins nicht geschadet. Ob ihm Eliza am Schluss deshalb die verlangten Pantoffeln nicht bringt und ihn schließlich allein stehen lässt, bleibt offen. Zwar folgt Köpplinger damit der Vorlage von »My Fair Lady« –George Bernard Shaws Schauspiel »Pygmalion«, das bereits 1913 die konventionellen Geschlechterrollen hinterfragte – doch ansonsten hält er es eher mit den Konventionen des Genres und gibt damit dem Musical, was des Musicals ist: prächtige Kostüme, Drehbühne mit Postkarten-London, bewegte Choreografien, feuerspuckende Sprechapparate – kurz: bestes Entertainment. Das Publikum dankt es ihm. Auf der Bühne ist immer etwas los, besonders viel, wenn Elizas Vater Alfred P. Doolittle auftritt, bei Robert Meyer ein bauernschlauer Müllkutscher von geradezu Brecht’scher Dialektik. Moral kann er sich nicht leisten, doch vor dem »Fressen« kommt bei ihm das Bier, mithin ein waschechter Bayer. Und wenn er auch noch tanzt, liegen ihm die Zuschauer vollends zu Füßen. Da vergisst man gern, dass angesichts der Sprachproblematik des Stücks Bairisch nur mehr bedingt als Soziolekt taugt und Eliza heute wahrscheinlich einen türkischen Vater hätte. Schließlich will Köpplingers »My Fair Lady« vor allem eins sein: gute Unterhaltung. Und das ist es zweifellos, nicht zuletzt dank des glänzend aufgelegten Orchesters, mitgerissen von der Musizierlust seines Dirigenten Andreas Kowalewitz. ||

MY FAIR LADY
Gärtnerplatztheater| 16. März, 6., 7., 14. April| 19.30 Uhr | 18., 25. März, 15. April
18 Uhr | Tickets: 089 21851960