Das russische Drama »Loveless« lotet Abgründe des Konsumzeitalters aus. Im Mittelpunkt: das Verschwinden eines kleinen Jungen.

Alyosha, gespielt von Matvey Novikov | © Alpenrepublik

Für die allermeisten Eltern ist es der Horror, für Zhenya (Maryana Spivak) und Boris (Aleksey Rozin) ist es eher ein Ärgernis: Ihr Sohn Alyosha (Matvey Novikov) ist weggelaufen. Dabei war man gerade so schön dabei, mit dem alten Leben – und mit Alyosha als Teil davon– abzuschließen. Die Scheidung ist mehr als sicher, die Wohnung steht zum Verkauf bereit, und der Nachwuchs wird wahrscheinlich ins Internat abgeschoben. Unterstützt von einer Hilfsorganisation muss man sich jetzt also auf die Suche machen. Und das wird für die Figuren und die Zuschauer gleichermaßen schwer.

Kein anderer Titel als »Loveless« könnte passender für Andrey Zvyagintsevs Drama sein. Zhenya und Boris sind zwei Menschen, die füreinander nur noch Hass übrig haben, den sie auch gerne lautstark im Beisein von Alyosha nach außen tragen. Zärtlichkeit und Liebe gibt es nur mit ihren neuen Partnern, das eigene Glück steht vor den Verpflichtungen von gestern. Zvyagintsev erzeugt in seinem Film eine gleichzeitig intime und feindliche Atmosphäre, die mitunter schwer zu ertragen ist. Doch lässt man sich darauf ein, kann man sich diesem Seziervorgang der Smartphone-Gesellschaft schwer entziehen. Es geht hier nicht nur um zwei Menschen, sondern um den grundsätzlichen Abgrund, der sich zwischen Konsum, schneller Lustbefriedigung und Verdrängung gebildet hat – und das nicht nur in Russland. Für die beiden Exgeliebten sind Alyoshas Tränen inzwischen dasselbe geworden wie die Kriegsmeldungen aus den Medien. Nichts anderes als alltägliches Beiwerk. »Loveless« ist also alles andere als einfache Kinokost. Genau deswegen aber einen Besuch wert. ||

LOVELESS
Russland, Frankreich, Belgien, Deutschland 2017
Regie: Andrey Zvyagintsev | Mit: Maryana Spivak, Alexey Rozin u. a. | 127 Minuten | Kinostart: 15. März
Trailer