Vom Plünderer zum Despoten. Robert Schwentkes »Der Hauptmann« zeigt den Weg eines jungen Mannes zur Kriegsbestie.

Max Hubacher als »Der Hauptmann«| © Weltkino Filmverleih

April 1945, Endzeitstimmung: Der einfache Gefreite Willi Herold (Max Hubacher) rennt um sein Leben. Eine Handvoll marodierender Soldaten ist ihm im Emsland dicht auf den Fersen: Deutsche wohlgemerkt, die als Sonderkommando aus einem nahe gelegenen Strafgefangenenlager gezielt nach Deserteuren und Dieben aus den Reihen der Wehrmacht fahnden. Mit viel Glück kommt der 21-jährige Soldat noch einmal davon, ehe er urplötzlich die Uniform eines hochdekorierten Luftwaffen-Hauptmanns im Koffer eines liegen gebliebenen Militärfahrzeugs findet – und der blutige Wahnsinn seinen Lauf nimmt. Fortan verkündet der groteske Protagonist in Robert Schwentkes schauriger, künstlerisch berauschender NS-Köpenickiade »Der Hauptmann« nur noch: »Der Führer persönlich hat mir unbeschränkte Vollmachten erteilt« –und verrückterweise glauben ihm das auch alle. Ohne korrekte Papiere, aber mit viel Schneid in der Stimme und erstaunlicher Schauspielkunst gegenüber der Lagerführung wie anderen Soldaten, gelingt ihm innerhalb weniger Stunden die Verwandlung vom ursprünglich truppenlosen, plündernden Gefreiten zum trinkenden, selbstherrlichen Despoten, der wahllos Menschen niedermetzeln lässt. Der junge Max Hubacher verkörpert diese Kriegsverbrecher-Bestie mit Babyface, die es tatsächlich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs im sogenannten Lager II bei Papenburg gab, mit viel Elan und diabolischer Überzeugungskraft. Im ersten deutschen Film Schwentkes nach über zehn Jahren in Hollywood (»Flightplan«, »R.E.D.«) ist so vieles so anders, dass man es kaum in Worte fassen kann, sondern geradezu sehen muss. Der gebürtige Stuttgarter tritt mit diesem radikal mutigen wie kinematografisch exzellent gestalteten (Kamera: Florian Ballhaus) Neo-Kriegsfilm zweifellos den Beweis an, dass innovatives Weltkino durchaus auch hierzulande entstehen kann. Einen gewagteren, dreisteren und durchgängig heterogeneren Spielfilm wird es in diesem Jahr nicht mehr geben: Abmarsch ins Kino. ||

DER HAUPTMANN
Deutschland, Frankreich, Polen 2017| Regie: Robert Schwentke
Mit: Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau | 119 Minuten
Kinostart: 15. März