Regisseur Nikolaus Habjan seziert in »Der Streit« von Marivaux das Wesen der Verliebtheit.

Oliver Nägele, Nikolaus Habjan und Arthur Klemt (v. l.) im Dienst der Puppen| © Thomas Dashuber

Der Grazer Puppenspieler Nikolaus Habjan, erst 30 Jahre alt, macht gerade als Überflieger Regie-Karriere. Berühmt wurden seine Soli »Herr Karl« und »F. Zawrel« mit jeweils mehreren Puppen. An der Bayerischen Staatsoper inszenierte er vor einem halben Jahr Webers romantische Oper »Oberon« als fantastisches Menschen-Experiment mit Puppen und Sängern. Um ein Menschen-Experiment geht es auch in Marivaux’ Rokoko-Komödie »Der Streit« von 1744. Hier schafft es der Regisseur Habjan im Cuvilliéstheater, dass seine von ihm als Puppenführer angelernten vier Darsteller mit den kleineren Figuren so verschmelzen, dass sie manchmal hinter ihnen verschwinden.

Eine ältlich-schrullige Rokoko-Feministin zetert von der Königsloge herab mit ihrem Prinzenfreund auf dem Proszenium – beides lebensgroße Klappmaul-Figuren. Den Streit, ob Männer oder Frauen zuerst untreu werden, soll ein schon vor Jahren inszenierter Laborversuch klären: Sechs Kinder wuchsen völlig isoliert einzeln auf, nur versorgt und erzogen von dem Dienerpaar Carise und Mesrou. Nun werden sie aufeinander losgelassen, um die Liebe zu erproben. Die Adligen schauen zu aus einem steril-weißen Anatomie-Hörsaal (Drehbühne: Jakob Brossmann und Denise Heschl, sie schuf auch die Kostüme).

Aus dessen Halbrund tritt Eglé in die Welt, wie alle anderen zunächst nur eine nackte hölzerne Malerpuppe ohne Unterleib. Sie verliebt sich sofort – in ihr Spiegelbild in einem Bach. Narziss grüßt. Oliver Nägele gibt diesem unerträglich eitlen Girlie so überzeugend Stimme und Bewegung, dass man vergisst, dass da ein Mann spricht. Eglé trifft auf Azor (Arthur Klemt), beide schwören sich sogleich ewige Liebe. Carise mahnt zu vorübergehender Trennung. Sie und Mesrou werden ohne Puppen von allen Darstellern im Wechsel gespielt. Nach und nach werden die Holzfiguren bekleidet, also zivilisiert. Kaum erscheint die nächste Probandin Adine (Mathilde Bundschuh), schon tobt der schönste Zickenkrieg. Natürlich spannt Eglé ihr sofort den Freund Mesrin (Habjan selbst, er alterniert mit Manuela Linshalm) aus. Die Jungs jedoch werden beste Freunde, der Regisseur führt sie in aller Unschuld zum veritablen Koitus mit einem Orgasmus, der die Bühne vibrieren lässt. Die Schauspieler verknäueln sich dabei derart fast unsichtbar unter den Puppen, dass man rätselt, wem welches Bein gehört.

Die egozentrische Eglé behielte gerne beide Männer und leidet, weil sich Azor mit Adine verbündet hat. Alles löst sich in einer wilden Gruppensexorgie – auch dies schlicht den Trieben folgend in unschuldiger Selbstverständlichkeit. Zuschauerin Hermiane wütet empört, bis das dritte Versuchspärchen vom Schnürboden einschwebt. Die zwei sind sittsam und treu sich selbst genug. Und entschwinden wieder leblos unbewegt nach oben, während unten die ineinander verschlungenen Puppen ihr Leben aushauchen – ein Liebestod. Um anschließend seziert und in die Pathologie verfrachtet zu werden. Und im Hörsaal steht der Sänger Kyrre Kvam, der Liebeslyrik von Louïze Labé aus dem 16. Jahrhundert in melancholische Lieder gegossen hat. Pierre Carlet de Marivaux war ein Aufklärer, wohl auch Zyniker. Er zeigt den manipulierten Menschen, Habjans Puppenversion liefert eine schlüssige Interpretation, nicht ohne gendertheoretischen Ansatz. Das ist oft komisch, aber keine Komödie. Die zum Leben erweckten Figuren ziehen unwiderstehlich in Bann. Wenn sie sehnsüchtig ihre langen Arme ausstrecken, die Köpfe zum Kuss wenden, werden Gefühle sichtbar. Und wie die Schauspieler sie sensibel führen, sich dahinter zurücknehmen und dennoch alle Emotionen der Stimme hineinlegen, ist große Kunst. ||

DER STREIT
Cuvilliéstheater| 5. März | 20 Uhr
4. März | 19 Uhr | Tickets: 089 21851940
tickets@residenztheater.de