Der Berliner Regisseur und Schauspieler Patrick Wengenroth leitet zum zweiten Mal das Augsburger Brechtfestival. Er erklärt, wie er an aktuelle Diskussionen anknüpfen will.

Festivalleiter Patrick Wengenroth ist ein Fan des frühen Brecht © Can Rastowic

In den letzten Jahren monierten ja einige Kritiker, dem Festival fehlten große aufregende Inszenierungen.
Ich denke, das kann uns heuer niemand vorwerfen. Im vergangenen Jahr musste ich aufgrund der Schließung des Augsburger Theaters das ganze Programm umkrempeln. Jetzt haben wir eine tolle Interimsbühne im martini-Park, und die wollten wir nutzen. Es ist uns gelungen, Inszenierungen des Maxim Gorki Theaters und des Theaters Bremen nach Augsburg zu holen. Die touren international, und unser Budget ist beschränkt. Das war ein großer Kraftakt. Auf dieses Programm kann Augsburg stolz sein.

Ihr Motto lautet »Egoismus versus Solidarität«. Wollen Sie damit auf aktuelle gesellschaftspolitische Konfliktfelder verweisen?
Die Frage, wo wir in diesem Spannungsfeld stehen, treibt uns derzeit alle um. Einerseits wissen wir, dass wir ein privilegiertes Leben genießen, während anderswo bittere Not herrscht. Zugleich wird uns permanent suggeriert, unser Wohlstand sei bedroht von Menschen, die uns etwas wegnehmen wollen. Die AfD und die Rechten erklären uns: Wir müssen uns und unsere Werte – im doppelten Sinne – verteidigen. Ich will nicht wohlfeil Altruismus predigen. Ich versuche immer semantische oder dialektische Felder aufzumachen. Womit wir bei Brecht wären und seinem »Guten Menschen von Sezuan«, den das Theater Bremen wunderbar gewitzt, poetisch und zeigefingerfrei präsentiert: Shen Te möchte andere an ihrem Reichtum partizipieren lassen. Sie gilt als altruistische Figur, doch sie wird ausgenutzt, und als sie schwanger wird, sagt sie: Jetzt brauch ich das Geld für mich und mein Kind. Das findet jeder legitim, doch es ist auch eine Form von Egoismus.

Shen Te erfindet einen Vetter, spaltet sich in einen »Gutmenschen« und seinen bösen Gegenspieler auf.

Niemand kann nur gut sein. Ebenso ist der Egoist in Brechts »Fatzer«-Fragment, mit dem wir als Eigenproduktion das Festival eröffnen, nicht bloß eine negative Figur. Er desertiert gesellschaftlich, erklärt: Ich mach nicht mehr mit bei der allgemeinen Verwertungslogik. Er ist eine Provokation für seine Umwelt und konfrontiert sie mit der Frage: Muss wirklich alles so sein, wie es ist? Nein! Man kann alles ständig ändern. Jede Veränderung aber bringt neue Probleme. Wir werden nie sagen können: Jetzt haben wir es geschafft. Um mit Brecht zu sprechen: »Wenn ihr die Welt verändert habt, verändert die veränderte Welt.« Das Theater bietet keine Lösungen, aber es kann Impulse geben wider die Resignation und mit künstlerischen Mitteln Diskussionen befeuern. Das versuchen alle unsere Aufführungen.

Sebastian Baumgartens Berliner »Dickicht«-Inszenierung wurde von der Kritik ja konträr aufgenommen. Was hat Sie persönlich daran fasziniert?
Baumgarten ist momentan einer der wichtigsten Brecht-Experten, und er hat für diesen schwierigen Text eine fantastische Übersetzung gefunden mit unfassbar guten Schauspielern. Seine Inszenierung hat ganz viel Humor und ist zugleich tragisch, düster, verstörend. Ich finde sie wahnsinnig kurzweilig und dabei im positiven Sinne überfordernd. Ich mag kein Erklärbär-Theater, wie ich es nenne. Die Aufgabe des Theaters ist nicht, ein Stück zu erklären, sodass es am Ende alle verstanden haben und eine Klassenarbeit darüber schreiben können. Wenn man versucht, alles richtig zu machen, wird es oft ein wenig langweilig. Deswegen ist mir Büchner tausendmal lieber als Goethe und stehe ich mehr auf den jungen Brecht.

Nimmt dieser darum deutlich mehr Raum im Programm ein als Brechts späte Werke?
Sicherlich. Ich bin ein Fan von Brechts frühen Werken, weil dort noch die undogmatische, nicht zum Lehrstück gefilterte politische Kraft zutage tritt. Sie sprengen alle Konventionen mit einer großartigen Sprachwut, die einen wie bei Fassbinder oder Jelinek wirklich umhaut. Das macht sie zeitlos.

Sie zeigen auch Produktionen wie Alexander Eisenachs Finanzwestern »Der kalte Hauch des Geldes« oder »Winterreise« mit dem Exil-Ensemble des Gorki-Theaters. Ein Brechtfestival sollte sich für Sie nicht nur mit Brecht beschäftigen?
So ein Festival muss für mich auch ein Motor sein, um aktuelle Diskurse zu transportieren. Wir erweitern das Spektrum des Programms. Dennoch haben wir immer Brecht im Blick. Yael Ronens »Winterreise«, in der Exilanten Deutschland erkunden, bezieht sich auf Brechts Gedicht »Über die Bezeichnung Emigranten«. Das ist ein wahnsinnig toller und berührender politischer Abend. Und Grandhotel Cosmopolis wird eigene Erfahrungen mit Brecht-Texten verknüpfen.

Das ist eine Augsburger Initiative, die ein Zentrum für Geflüchtete betreibt.

Es lag mir sehr am Herzen, sie einzubinden. Ich weiß nicht, was dabei rauskommt. Das ist eine Art Readymade, ein Happening. Damit kann ich auch auf die Fresse fliegen. Aber solche Risiken will ich mir leisten. Theater braucht die Reibung an der Gegenwart. Wenn die Aufführungen etwas gemeinsam haben, dann: Sie sind nicht museal. Ich begreife Theater als Diskursform oder frei nach Nietzsche als einen Ort der fröhlichen Wissenschaft. Wir haben viele kluge Köpfe eingeladen. Kathrin Röggla, Stefanie Sargnagel und Bazon Brock werden anhand eines Brecht-Essays Thesenpapiere zum Verhältnis von Egoismus und Solidarität entwerfen. Der Dramatiker Bonn Park leitet eine Schreibwerkstatt für Manifeste. Ich nutze Brechts Werk als Lupe oder Brennglas für brisante Themen der Gegenwart, und gerade heute bietet es sich besonders dafür an.

Inwiefern?
Lange haben viele gedacht, sie könnten unpolitisch durchs Leben wandern. Die konservative Restauration, die Renaissance der Rechten und die irre Trump-Herrschaft zwingen inzwischen jeden dazu, sich zu positionieren. Brecht ist wieder hochaktuell, wir alle sollten uns noch einmal neu mit seinen Texten auseinandersetzen. Das macht dieses Festival auf sehr sinnliche Weise mit Diskurslust, unbändiger Neugier und ganz ohne Dogmatismus.||

BRECHTFESTIVAL AUGSBURG
23. Feb. bis 4. März| Programm und Tickets