Guillermo del Torros »The Shape of Water« ist Monsterfilm und Melodram in einem. Und einer der heißesten Anwärter auf die diesjährigen Oscars.

Sally Hawkins und Octavia Spencer in »The Shape of Water«| © Twentieth Century Fox

Ob Guillermo del Torro schon einmal Tocotronic gehört hat, ist nicht bekannt. Aber deren Songzeile »Hi freaks look at me – Autogramme vis-à-vis« könnte für ihn bei der diesjährigen Oscarparty sicherlich pausenlos im Hintergrund laufen. Denn der Regisseur aus Mexiko mit dem Faible für exquisite Fantasy und schauerlich-schöne Bestien hat sich mit seinem Venedig-Gewinner »The Shape of Water« eindrucksvoll auf dem Hollywoodparkett zurückgemeldet. Nicht wenige Auguren sehen in ihm bereits den nächsten Oscarpreisträger für die beste Regie. Bereits bei den Golden Globes hatte er in derselben Kategorie gewichtige Konkurrenten wie Spielberg (»Die Verlegerin«) und Nolan (»Dunkirk«) ausgestochen: mit einem Märchenfilm wohlgemerkt.

Einem brillant besetzten und luxuriös ausgestatteten obendrein. Schließlich fließt hier alles zusammen – wortwörtlich: Denn del Torros edles, überaus fluides Fantasy-Schmuckkästchen über eine stumme Putzfrau (oscarverdächtig ebenfalls: Sally Hawkins), die sich in der heißen Phase des Kalten Kriegs in ein vom US-Militär malträtiertes Unterwasserwesen (Doug Jones) aus dem Amazonas verliebt, ist nur imersten Augenblick eine klassische Girl-meets-beast-Story à la Jean Cocteaus »La Belle et la Bête«. Vielmehr zelebriert del Torro (»Pans Labyrinth«/»Hellboy«) darin höchst fantasievoll die Macht des Andersseins in Form einer anrührend-amüsanten Kinoballade voller Filmzitate, die von Jeunets »Die fabelhafte Welt der Amélie« über Disneys »Arielle« bis hin zu Flemings »Zauberer von Oz« oder Arnolds »Schrecken vom Amazonas« reichen.

Mit dieser neuen – und zweifellos besten – Regiearbeit seiner Karriere, beweist er nun, dass er im großen Hollywoodorchester eben nicht nur ein Meister einzelner Akkorde, sondern auch zu einer geschlossenen Sinfonie fähig ist: Mit »The Shape of Water«, dieser ungemein freigeistigen, offen sozialpolitisch konnotierten Parabel über den fragilen Status Ausgegrenzt-Andersartiger, sprich Nicht-Weißer und Nicht-Heterosexueller in den USA nach 1945, ist ihm genau das gelungen. Zudem erscheint »The Shape of Water« exakt zur richtigen Zeit, die vom täglichen Trump-Twitter-Wahnsinn geprägt ist: »Ich nenne ihn ein Märchen für unruhige Zeiten, weil er als eine Art Salbe gegen die Welt wirkt, in der wir jeden Morgen mit schlechteren Nachrichten aufwachen«, erklärte del Torro. Zugleich hat er es sich als Cineast wie Regisseur nicht nehmen lassen, darin heiter-ironisch durch die US-Filmgeschichte zu wandeln, die nachweislich von Emigranten bestimmt wurde. Sei es in der hervorragenden Filmmusik des Franzosen Alexandre Desplat, der wiederum in vielerlei Hommagen die Altheroen Max Steiner oder Franz Waxman offen zitiert, oder durch die Mitarbeit auffällig vieler Nicht-Amerikaner (wie zum Beispiel dem dänischen Kameramann Dan Laustsen) in seinem Produktionsteam.

Herausgekommen ist dabei eine kernige Kreaturen burleske mit liebevollen Referenzen an das klassische Melodram wie die immer etwas zu schrulligen Monster-Movies und TVMusicals der frühen 1960er Jahre. Kurzum: ein echter Märchenfilm für Erwachsene, mit bizarren Wesen – und reichlich anzüglichen Dialogen. Bezaubernd. ||

THE SHAPE OF WATER
USA 2017 | Regie: Guillermo del Torro | Mit: Sally Hawkins, Michael Shannon, Octavia Spencer u. a. | 123 Minuten
Kinostart: 15. Februar
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