Die Kunst des Geräuschemachens beherrscht Max Bauer wie kein Zweiter. Beim Filmfest München beweist er dies live.

Max Bauer bringt die Geräuschekunst auf die Bühne © Peter Hinz-Rosin

Was kommt raus, wenn man mit dem Finger in einem Schnapsglas reibt? Ein quakender Frosch. Was ergeben zwei Kleiderbürsten, die über ein Kissen streichen? Meeresrauschen. Zumindest für das Ohr. Wenn der Filmgeräuschemacher Max Bauer mit seiner Frau, der Regisseurin Andrea Kilian, »Die Kunst des Geräuschemachens« aufführt, reist der Zuhörer vom Dschungel bis zum Exerzierplatz. Max Bauer holt seinen Beruf aus dem Schattendasein auf die Bühne. »Bei vielen gibt es ein zauberhaftes Halbwissen«, meint er. Einige haben von seinerTätigkeit schon mal hier und da gehört. »Viele sind aber verwundert, weil sie das mit einer völlig anderen Zeit verbinden.«

Auch er selbst gibt zu, erst spät davon erfahren zu haben – nämlich mit 28 Jahren. Zuvor trainierte er sein Ohr als Musiker in verschiedenen Bands und machte eine Ausbildung zum Tontechniker. Der weitere Werdegang war purer Zufall. »Ein Freund von mir ist als Tontechniker beim Geräuschemacher Mel Kutbay gelandet. Er meinte, das könne mir gefallen. Ich bin sofort mitgekommen, aber eher als neugieriger Zaungast.« Was er da noch nicht wusste: Der inzwischen verstorbene Kutbay – »einer der größten Geräuschemacher Europas« – suchte einen Assistenten. Nachdem er auch selbst Hand anlegen durfte, bekam er nach einigen Tagen das Angebot, bei ihm in die Lehre zu gehen. In der Zwischenzeit hat er über 200 deutsche und internationale Filme hinter sich, darunter »Die unendliche Geschichte III«, »Jud Süss – Film ohne Gewissen« und »Die andere Heimat«.

Von der Antike bis ins digitale Zeitalter

Allerdings betont Bauer: »Inzwischen ist das Meister-Lehrling-Verhältnis nicht mehr üblich. Mich kostet ein Assistent nichts, aber die Produktionsfirmen wollen es nicht. Sie meinen, das würde zu sehr aufhalten. Und bei dem Pensum, das wir bewältigen müssen, hätte ich auch gar keine Zeit, ihm was zu zeigen.« Die meisten seiner Kollegen fingen als Tontechniker an und arbeiteten so mit Geräuschemachern im Studio zusammen. Lernen durch Zusehen ist inzwischen die Regel. Und dann begegnet einem das Unwissen.»Ich habe schon Regisseure getroffen, diemeinten, dass es das im deutschen Film schon lange nicht mehr gäbe«, berichtet Bauer. Das könnte auch daran liegen, dass es über seinen Beruf fast keine Literatur gibt, obwohl seine Ursprünge sehr weit zurückgehen. »Wenn im antiken Theater ein Gott auf die Bühne kam, hater oft einakustisches Signal bekommen, zum Beispiel ein Donnern. Das Bedürfnis der Menschen, Töne synchron zum Bild abzuliefern, gab es schon immer.«

Auch räumt er mit dem Gerücht auf, der Amerikaner Jack Foley hätte in den Dreißigern zum ersten Mal Filme vertont. »Ich bin beimeinen Recherchen auf ein Büchlein von 1914 gestoßen, in dem Tricks und Handwerkszeug beschrieben werden. Das Buch war für Varieté- und Jahrmarktbesitzer gedacht, die ihre Filme live aufpeppen wollten.« Ein Beruf wurde es dann natürlich erst mit Beginn des Tonfilms, in dem Foley Pionierarbeit leistete. Das alles erfährt man in »Die Kunst des Geräuschemachens«, sie ist nicht nur eine Liveshow, sondern auch anschaulicher Geschichtsunterricht.

So viel zur Vergangenheit. Und die Zukunft? Ersetzt das digitale Archiv den Geräuschemacher? Bauer verneint: »Unsere Dienste werden mehr denn je genutzt. Wir sind schneller und individueller.« Auch in synthetischen Geräuschen sieht er noch keine Konkurrenz. »Es klingt einfach sauschlecht! Vielleicht klappt das in 15 Jahren. Da bin ich hoffentlich schon in Rente.« Nicht nur ein filmischer Verlust. Zu sehen, wie jemand auf der Bühne Geräusche am PC macht, wäre nicht gerade prickelnd. Analog umso mehr! ||

DIE KUNST DES GERÄUSCHEMACHENS
Gasteig, Carl-Amery-Saal | 1. Juli| 15 Uhr
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