Amélie Niermeyer legt die Farce in Bernard-Marie Koltès’ »Rückkehr in die Wüste« frei.

Mathilde (Juliane Köhler) ist aus Algerien ins kalte Frankreich zurückgekehrt | © Thomas Dashuber

Adrien Serpenoise hat eine Mauer ums Haus gebaut. Seine Füße seien der Mittelpunkt der Welt, erklärt er Sohn Mathieu (Thomas Lettow), der hinaus, in den Krieg ziehen will, lieber sterben als erben. Die Geschichten seines Cousins Edouard (Max Koch) haben ihn neugierig gemacht auf die Welt draußen. Alexander Müller-Elmau hat eine Trutzburg auf die Bühne des Residenztheaters gestellt, die gleichzeitig wie ein arabisches Anwesen wirkt. Nach innen lässt sich diese Festung aufschlagen wie ein Buch, ihre Scharniere klappen immer neue Räume aus. Jan Speckenbachs Videoprojektionen verleihen dem Inneren mit Blumen, Ornamenten und Rissen eine flechtenartige Struktur und fast schon verwunschene Heimeligkeit.

Von Heimeligkeit kann in Bernard-Marie Koltès 1987 entstandenem und in München nun erstmalig aufgeführten Stück »Rückkehr in die Wüste« aber keine Rede sein. Adriens Schwester Mathilde kommt mit ihren Kindern Edouard und Fatima während des Algerienkriegs in die französische Provinz zurück. Wie bestellt und nicht abgeholt stehen die drei vorne am Bühnenrand, bis Mathilde (Juliane Köhler) mit energischem Pochen Einlass begehrt. Dieses Klopfen zieht sich wiederkehrend durch Amélie Niermeyers Inszenierung. Es ist das Pochen derjenigen, die Zugang verlangen zur Welt der Bürger. Das Eindringen der Fremden kulminiert im Ab sprung des großen schwarzen Fallschirmjägers (Ricky Watson). Der fuchtelt vor Adrien mit der Pistole herum und trauert widersinnig einer alten Ordnung hinterher, in der jeder wusste, wo sein Platz ist.

Koltès nannte sein Stück über den Algerienkrieg eine Komödie im Sinne Tschechows. Tatsächlich erinnert die Figurenkonstellationan die Stücke des Russen. Amélie Niermeyer reizt mit einem gut gelaunt aufspielenden Ensemble das Farcenhafte aus, das Überdrehte. So entsteht eine merkwürdig komische Gespenstergeschichte, denn Koltès hat neben Spott und Selbstironie auch den Geist von Adriens wahrscheinlich ermordeter Frau Marie eingebaut. Den kann (fast) nur Fatima sehen. Die spielt Mathilde Bundschuh in einem Pulloverkleid mit bis zu den Knien reichenden Ärmeln (Kostüme: Annelies Vanlaere) als somnambules Geschöpf auf der Suche nach Wahrheit. Wie ihre Mutter friert sie in der Kälte Frankreichs, wo Adrien das Eis von der kleinen Scheibe im Gesicht der Hausfestung kratzen muss,bevor er die Verwandtschaft einlässt– die er vertrieben hatte. Mithilfe der Affenbande von Ortshonoratioren, die auch jetzt an einer Verschwörung arbeiten. Diesmal gegen aufbegehrende Araber.

Wie Dürrenmatts alte Dame ist Mathilde zurückgekehrt, um sich zu rächen. Juliane Köhler gibt mit diebischer Freude die böse Frau, die strahlend verkündet, Terror in die Stadt bringen zu wollen. Mit Götz Schulte als Adrien liefert sie sich Wörterscharmützel, die in körperlichen Stellungskrieg ausarten, sodass die graue Eminenz Maame Queuleu (resolut unterm weißen Afro im seltsam aus der Zeit gefallenen Kleid: Katharina Pichler) und das mürrische Faktotum Aziz (Bijan Zamani) sie auseinderzerren müssen. Dazwischen wankt Barbara Melzl als Adriens religiös delirierende Ehefrau Marthe herum, nur von ihrer grünen Sixties-Krinoline am Umfallen gehindert. Bei all dieser komischen Nonchalance gerät die politische Grundierung allerdings ins Hintertreffen. ||

RÜCKKEHR IN DIE WÜSTE
Residenztheater| 19. Juni, 3., 13. Juli
19.30 Uhr | Tickets: 089 21851940
Website